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Was ist gerecht? – Ein Kulturpiloten-Jahr zum Thema Demokratie

Ob im Deutschen Historischen Museum, im Bundestag, im Planetarium, im Tränenpalast oder an vielen anderen Orten in Berlin: Im Projekt Kulturpiloten 2025/2026 haben 90 Viertklässler*innen ein Schuljahr lang erkundet, wie Demokratie in Berlin funktioniert. Jetzt wurde der Abschluss gefeiert. Die Kulturpiloten sind ein Projekt von „Kinder beflügeln“.

Schauspieler auf einer Bühne

Ein Schuljahr lang ziehen Viertklässler*innen aus Berliner Grundschulen in herausfordernder Lage in kleinen Gruppen durch die Kultur- und Bildungsorte ihrer Stadt. Jede Staffel trägt den Namen einer der neun Musen und wird von zwei erwachsenen Kulturpilot*innen begleitet.  In diesem Jahr waren es 90 Kinder in neun Staffeln. Am 6. Oktober 2026 feierten 77 von ihnen im Großen Festsaal des Evangelischen Johannesstifts den Abschluss. Claudia Lukat, Leiterin der Kampagne „Kinder beflügeln“, führte durch das Programm. Das Mittagessen kam von PAULS Catering der Johannesstift Diakonie.

Beim Abschlussfest gab es eine Pinnwand voller Papierwolken. „Ideen für die nächste Staffel“ stand auf der obersten Wolke. In die anderen  hatten die Kinder geschrieben, was sie interessiert: Natur, Wildnis, Klimawandel, Glauben und Religionen, Fußball, Steinzeit, Tiere in Berlin. Ein Wort tauchte gleich zweimal auf: Freiheit. Einmal stand es neben dem Begriff „Meinung“, einmal wurde es von einem Smiley begleitet...

Demokratie beginnt beim Taschengeld

Wie konkret Demokratie werden kann, erlebte die Staffel Terpsichore im Deutschen Spionagemuseum. Bei den Kulturpiloten werden die Kosten für alles, was die Gruppe braucht, vom Projekt getragen. Deshalb gilt: Niemand kauft sich einfach etwas, auch wenn er Geld dabei hat. Am Eingang des Museums steht eine Münzpresse, die Cent-Stücke mit einem Muster prägt. Einige Kinder wünschten sich so ein Andenken. Die Kulturpilot*innen versprachen, nach dem Rundgang darüber zu sprechen. Doch beim Hinausgehen warfen zwei Kinder schnell ihr eigenes Geld ein. Andere kamen zu den Erwachsenen: „Die haben sich das jetzt gekauft. Ich habe kein Geld. Was machen wir jetzt?“

Die Kulturpilot*innen holten die Gruppe zusammen und fragten: Ist es gerecht, wenn einige eine Münze haben und andere nicht? Die Antwort war einstimmig: Nein. Der erste Vorschlag lautete, sich Geld zu leihen. Doch das passte nicht für alle, denn wer kein Taschengeld bekommt, kann nichts zurückzahlen. Also überlegten die Kinder weiter. Sie wogen ab und verwarfen Ideen. Am Ende liehen einige anderen Geld, und wer konnte, zahlte selbst. Die übrigen legten zusammen („Die 50 Cent schenke ich dir“), bis auch die beiden Kinder ohne Geld eine Münze hatten. Zum Schluss hielt jedes Kind ein geprägtes Andenken in der Hand.

„Auch da funktioniert ja nicht immer alles nach Absprache“, sagt Kulturpilotin Susanne Reinke. „Man muss sich neu positionieren und auch mal Schritte aufeinander zu und von der alten Position weggehen.“

Mitbestimmung gehört bei den Kulturpiloten von Anfang an dazu. Die Kinder planen ihre Ausflüge mit, auch den Anfahrtsweg. In der Staffel Erato stimmten sie über einen Ausflug ab, und die Mehrheit entschied sich fürs Bowling. Die Staffel Thalia kochte gemeinsam und demokratisch bei den Stiftis, einem Angebot der offenen Jugendarbeit auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts. In der Staffel Kalliope, einer reinen Mädchengruppe, diskutierten die Kinder lange über Gleichberechtigung. Zum Ende des Jahres ließen sie einander deutlich besser ausreden, berichtet das Team.

Vom Bundestag bis zum Lügendetektor

Das Jahresthema führte die Staffeln an viele Orte: in den Bundestag, ins Abgeordnetenhaus und ins Rote Rathaus, ans Kanzleramt, in den Tränenpalast und ins Deutsche Historische Museum. Im Humboldt Forum nahmen mehrere Staffeln an einem Workshop zu den UN-Kinderrechten teil. Die Staffel Thalia bekam Besuch von den Omas gegen Rechts. Die Staffel Polyhymnia traf im Rathaus Charlottenburg die Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz. Die Kinder durften ihr erzählen, was sie in ihrem Bezirk stört. Am stärksten ist dem Team danach etwas anderes in Erinnerung geblieben: der gemeinsame Weg auf den Rathausturm und der Blick über Berlin. Claudia Lukat:

„Die Kinder haben in diesem Jahr erlebt, dass ihre Meinung zählt – im Rathaus genauso wie in der eigenen Gruppe.“

Nicht jeder Ausflug drehte sich um Politik. Im Spionagemuseum stellte sich die Staffel Kalliope dem Lügendetektor. Alle antworteten ehrlich, und über die Fragen lachte die ganze Gruppe. Später gestalteten die Kinder Stoffbeutel zum Thema Demokratie. Die Staffel Urania staunte im Planetarium über die Weite des Himmels und baute im Hamburger Bahnhof selbst Kunstwerke aus Holz. Die Staffel Terpsichore sah Shakespeare als Figurentheater für Kinder. Die Staffel Euterpe besuchte gemeinsam mit der Staffel Melpomene den Kinderbauernhof Moritzhof am Mauerpark. Ihr Team erinnert sich vor allem an die Begeisterung der Kinder, wenn sie etwas zum ersten Mal entdeckten, etwa im Illuseum oder im Futurium.

Warum Vertrauen ein ganzes Jahr braucht

Dass eine Staffel  Kulturpiloten ein ganzes Schuljahr dauert, hat einen Grund. In vielen Staffeln kommen Kinder aus verschiedenen Klassen oder aus zwei benachbarten Schulen zusammen. Sie müssen erst zu einer Gruppe werden. Bei einer Sache zu bleiben, fällt vielen Kindern anfangs schwer. Damit arbeiten die Teams, Ausflug für Ausflug. Das Team der Staffel Terpsichore beobachtete, wie die Kinder sich über das Jahr länger konzentrieren konnten. Bei Thalia wuchsen die Kinder langsam über die Klassengrenzen hinweg zusammen und lernten, Kompromisse zu schließen.

Erst auf dieser Grundlage lassen sich schwierige Themen besprechen. Ein Schwerpunkt des Jahres hieß deshalb: Vorurteilen begegnen. In mehreren Staffeln sprachen die Kinder über Ausgrenzung und Rassismus. Es ging um das, was sie selbst erlebt haben, und auch um eigene Vorurteile und deren Folgen.

Manchmal braucht es dafür einen Ort weit weg vom Alltag. Die Staffel Thalia fuhr aufs Land nach Götz in Brandenburg. Die Kinder spielten mit einem Hund auf dem Hof und sahen einen Hahn auf dem Misthaufen. „Der Ausflug nach Götz war in viele Richtungen beeindruckend“, sagt Kulturpilotin Silvia Kemper. Am intensivsten in Erinnerung geblieben sei ihr der Hahn auf dem Misthaufen „und das große Gefühl von Freiheit, welches die Kinder erlebten“.

Was die Kinder weitergeben

Die Ideenwand fließt in die Planung für 2027 ein. Im nächsten Schuljahr machen wieder neue Viertklässler*innen mit. Was die Kinder dieses Jahrgangs wichtig finden, prägt das Thema für die nächsten. Mitten auf der Wand hing ein Bild der Staffel Melpomene: lachende Blumen in bunten Farben. Eine von ihnen hat eine Sprechblase. Darin steht: „Wir sind wichtig!“

Kinder und Betreuerin im Kreis auf einer Wiese sitzend
Foto: Michaela Eberlin
Kreis aus Buntstiften mit Kinderhänden außen herum
Junge an einer Staffelei
Foto: Michaela Eberlin

Die Kulturpiloten wurden im Schuljahr 2025/26 durch die Deutsche Postcode Lotterie und die Stiftung Berliner Sparkasse gefördert.


Über die Kampagne „Kinder beflügeln“

„Kinder beflügeln“ ist die Klammer für eine Vielzahl von Projekten, in denen Kinder aus Berlin und Brandenburg seit 2008 durch besondere Bildungserlebnisse gefördert werden. Die Kampagne erreicht Kinder im Grundschulalter an Berliner Brennpunktschulen, die aufgrund ihrer sozialen Situation Bildungschancen nicht nutzen können. „Kinder beflügeln“ ist die gemeinsame Bildungskampagne der Johannesstift Diakonie und der Stiftung Evangelisches Johannesstift.

Über die Johannesstift Diakonie Jugendhilfe

Die Johannesstift Diakonie Jugendhilfe gGmbH ist eine 100%ige Tochtergesellschaft der Johannesstift Diakonie gAG mit stationären, teilstationären und ambulanten Angeboten der Hilfen zur Erziehung, Jugendsuchthilfe, Betreuungsangeboten für Mütter und ihre Kinder, der Kindertagesbetreuung, schulbezogener Sozialarbeit an Grund- und Oberschulen sowie Erziehungs- und Familienberatung. Sie beschäftigt circa 500 Mitarbeitende in Berlin, Neubrandenburg, den Landkreisen Oberhavel und Havelland sowie Eisenach.

Über die Johannesstift Diakonie

Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:

  • Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
  • Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
  • Wohnen und Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen
  • Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Arbeit, Beschäftigung und Soziales
  • Ausbildung in der Gesundheits- und Sozialberufen
  • Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen