Shownotes
Adipositas ist keine Frage fehlender Disziplin. Aber wann wird Übergewicht zur chronischen Erkrankung – und wann reichen Ernährung, Bewegung oder Abnehmspritze nicht mehr aus? Für Betroffene zählt vor allem: Welche Behandlung kann mir wirklich helfen?
In dieser Folge von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ spricht Martina Conradt mit Dr. med. Peer Joensson, Leitender Oberarzt am Martin Luther Krankenhaus und Koordinator im Adipositaszentrum. Er erklärt, wann eine Magenverkleinerung infrage kommt und welche Behandlungsmöglichkeiten es bei Adipositas gibt.
Mehr Informationen zum Adipositaszentrum im Martin Luther Krankenhaus:
Adipositaszentrum Martin Luther Krankenhaus
Mehr Informationen zur persönlichen Erfahrungen mit Adipositas in der Podcast-Folge mit Nicole Urbschat:
Zusammenfassung der Podcast-Folge:
Dr. Joensson erklärt, warum Adipositas eine chronische Erkrankung ist und weshalb „weniger essen und mehr bewegen“ für viele Betroffene zu kurz greift. Es geht um BMI, Begleiterkrankungen und Operationsindikationen. Als Orientierungswerte nennt er BMI 40 ohne Begleiterkrankungen beziehungsweise BMI 35 mit Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck.
Vor einer Adipositas-OP stehen Beratung und Vorbereitung: Ernährungsberatung, Bewegung, psychologische Begutachtung, Laboruntersuchungen und der Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Magenbypass oder Schlauchmagen? Dr. Joensson erklärt beide Verfahren und warum etwa Sodbrennen oder Diabetes die Wahl beeinflussen können. Außerdem geht es um Risiken, Essen nach der OP, Hunger und Sättigung sowie darum, was möglich ist, wenn das Gewicht später wieder steigt.
Diese Fragen beantwortet die Folge:
- Ab wann gilt Übergewicht als Adipositas?
- Ab welchem BMI kann eine Adipositas-OP infrage kommen?
- Welche Voraussetzungen gibt es vor einer Magenverkleinerung?
- Wie funktionieren Magenbypass und Schlauchmagen?
- Welche Methode kann bei Sodbrennen oder Diabetes geeigneter sein?
- Wie läuft die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ab?
- Welche Risiken hat eine Adipositas-Operation?
- Wie verändert sich das Essen nach der OP?
- Wie viel Gewicht kann man nach einer Adipositas-OP verlieren?
- Was kann helfen, wenn man nach der Operation wieder zunimmt?
- Abnehmspritze oder Operation: Wo liegen die Unterschiede?
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Transkript
Peer Joensson (00:00)
Also man sagt immer so schön, niemand nimmt so viel ab wie übergewichtige Menschen.
Martina Conradt (00:04)
…die essen zu viel, Die sind nicht diszipliniert, die treiben keinen Sport.
Peer Joensson (00:08)
Es ist definitiv kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Erkrankung.
Martina Conradt (00:12)
Also diese Operation kann durchaus lebensverlängernd sein.
Peer Joensson (00:16)
Wenn wir jetzt von einem Tag auf den anderen deutlich weniger essen würden,…Wir hätten mörderisch Hunger. Bei den Patienten ist es aber nicht so.
Martina Conradt (00:23)
Haben Sie es schon mal erlebt, dass jemand wieder deutlich zugenommen hat nach einer solchen Operation? Herzlich willkommen zu Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast. Heute geht es unser Glatteis Thema Nummer zwei, nämlich Übergewicht. 19,7 Prozent aller Deutschen sind adipös, also stark übergewichtig. Und ich habe jetzt mal bei einem BMI-Rechner geschaut. Ich bin 1,60 Wie viel ich wiegen dürfte mit einem BMW wäre schön. BMI, der einigermaßen normal ist und das liegt zwischen 45 und 63 Kilo. Das ist echt ein riesen Unterschied. Mit 45 wäre ich zu dünn, mit 63 würde ich mich nicht mehr wohl fühlen. Aber es gibt Menschen, für die ist das Übergewicht viel mehr als eine kosmetische Frage, sondern da geht es Gesundheit. Rund um dieses Thema gibt es eine haufenweise Mythen und da wollen wir heute mal so ein bisschen aufklären und ich freue mich sehr, dass wir einen ganz besonderen Gast heute haben, nämlich Dr. Peer Joensson. ist Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein,- Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. Koordinator im Adipositaszentrum. Das heißt, die beschäftigen sich von morgens bis abends mit Menschen, die stark übergewichtig sind. Gucken Sie anders in den Spiegel, wenn Sie morgens oder abends duschen gehen?
Peer Joensson (01:51)
Nein, ich schaue nicht anders in den Spiegel, weil das ja, wie Sie auch schon gesagt haben, das ist ja eine breite Range, was normal ist und die Patienten, die zu mir kommen, die sind adipös, also die haben Body Mass Index von 30 und mehr und das sind ganz andere Gewichtsklassen.
Martina Conradt (02:09)
Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, es gibt ja wirklich viele Menschen, die adipös sind, also fast 20 Prozent in Deutschland, das ist eine Riesenzahl, also jeder Fünfte, und 60 bis 70 Prozent aller Menschen hadern grundsätzlich mit ihrem Gewicht, also Gewicht ist immer ein Thema. Ich kann mich erinnern, ich war vielleicht 14, hatte knapp über 40 Kilo und fand mich damals auch zu dick, also völlig gestört, muss ich sagen. Aber es gibt Menschen, bei denen Übergewicht tatsächlich ein echtes Problem ist. Ab wann wird denn aus Gewicht eine Erkrankung?
Peer Joensson (02:46)
Das ist mit der Definition Adipositas festgelegt. Das ist schon die Krankheitsdefinition. Das wird aktuell am Bodymassindex festgemacht. Da hat die WHO Grenzwerte festgelegt. ist eben der Bodymassindex 30 und mehr ist es Adipositas. Das wird noch mal nach Schweregraden unterteilt. Aber das ist sozusagen das, wo es krankhaft wird. Alles andere ist natürlich alles Lifestylefragen. Wie fühlt man sich wohl? Wo ist sein eigener Bereich, wo man sich gut und attraktiv fühlt. Aber bei uns geht es die Krankheit Adipositas und die ist ganz klar definiert, Bodymass Index 30 und drüber, weil wir eben auch wissen, dass dann das Risiko zunimmt, dass Erkrankungen auftreten in Folge der Adipositas.
Martina Conradt (03:34)
Zu den Krankheiten gehören, unter anderem Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkprobleme. Da leiden die Menschen dann wirklich extrem drunter. Wie ist es denn, also die Nicole, mit der wir beim letzten Mal gesprochen haben, die hat innerhalb kürzester Zeit tatsächlich 50 Kilo abgenommen. Was ist denn bei Ihnen so der Schnitt? Weil das ist, glaube ich, auch das, was die Leute so wissen möchten. Wie viel kann man denn abnehmen?
Peer Joensson (04:01)
Das hängt natürlich von dem Startgewicht ab. Wir wissen, dass wir mit den Operationen ein Viertel bis manchmal auch ein Drittel des Gesamtkörpergewichts abnehmen können. Das heißt, wenn jemand 150 Kilogramm am Anfang wiegt, kann man irgendwas zwischen 30 und 50 Kilogramm Gewichtsverlust erwarten. das ist natürlich... Wir haben Menschen, die sind schon unter 100 Kilogramm, kleinere Personen, die haben Adipositas, die verlieren natürlich weniger. Wichtig ist immer, dass der Anteil stimmt. In der Adipositas-Chirurgie rechnen wir häufig auch gar nicht mit Gesamtkörpergewicht, sondern mit dem Gewicht, was zu viel ist. Das ist unsere Maßzahl. Da wollen wir 80 Prozent reduzieren.
Martina Conradt (04:43)
Dr. Jonsson, Sie sind Chirurg und unser Podcast heißt Warum ich? Warum haben Sie sich ausgerechnet diesen Bereich der Chirurgie ausgewählt? Es gibt ja unendlich viele Bereiche.
Peer Joensson (04:54)
Ja.
Martina Conradt (04:55)
Und Sie, wir haben uns ja vorher schon mal unterhalten, Sie haben gesagt, Sie finden das, Sie lieben Ihren Job. Also was macht das so besonders für Sie?
Peer Joensson (05:04)
Also an die Adipostas-Chirurgie bin ich eher zufällig gekommen. Das spielt in Studium und in der Ausbildung tatsächlich ganz wenig eine Rolle. Also bei mir im Studium gab es das gar nicht. Mittlerweile bei den neuen Studiengängen kommt das auch mal vor, die Adipostas-Chirurgie. Und ich hatte letztlich Glück, dass ich im Laufe meiner Assistenzarztausbildung an eine Klinik gekommen bin, wo es ein Adipositaszentrum gab oder aufgebaut wurde. Dann wurde ich von dem Oberarzt gefragt, ob ich nicht Lust hätte mitzumachen. Die Oberbauchirurgie im Bereich meiner Spezialisierung Bauch- und Viszeral-Chirurgie hatte mich da schon sehr interessiert. Und das ist operativ ein sehr attraktives Fach, es sind interessante Operationen. Und dann hat es mich aber auch sehr schnell gepackt, als ich dann Kontakt hatte mit den Patienten, gesehen habe, was man erreichen kann, was man schaffen kann. Dann hat es mich seit meiner Assistenzarztzeit über den Facharzt hinaus jetzt bis zur Oberarztzeit immer verfolgt und das ist meine große Leidenschaft.
Martina Conradt (06:00)
Wir kommen gleich noch dazu, dass wir aufzeigen, wie der Weg dahin ist. Aber für Sie bedeutet das ja anders als bei anderen Chirurgen im Krankenhaus: Sie sehen ihre Patienten ja öfter. Also Sie sehen sie nicht nur einmal, sondern Sie sehen die wahrscheinlich dann doch auch relativ häufig.
Peer Joensson (06:14)
Ja, wir Chirurgen sehen die Patienten ja auch nicht nur in der Operation. Wir haben ja Sprechstunde, wir sehen Patienten auf Station, begleiten ja alle Patienten auch nach der Operation. Aber die Adipositas-Chirurgie ist da schon eine Sonderrolle, weil wir eine sehr lange Vorbereitungszeit haben, weil wir die Patienten, das wollen wir gleich noch einmal vertiefen, sechs Monate lang bei uns im Zentrum vorbereiten und auch nach der Operation eine Nachsorge betreiben. Und da sind wir für die Patienten auch langfristig ansprechbar und da.
Martina Conradt (06:45)
Was kann ein Adipositaszentrum? Darüber reden wir gleich. Aber ich möchte erst von Ihnen wissen, es gibt doch die Abnehmensspritze, es gibt die Abnehmtablette, es gibt riesige Diskussionen, die Zeitungen sind voll. Ein Lifestyle-Medikament für die einen, überlebenswichtig für die anderen. Warum kann die Adipositaschirurgie mehr oder was kann sie anders als diese wunderbaren Abnehmenspritzen? Abnehmensspritzentabletten? die ja im Grunde genommen inzwischen fast für jeden erhältlich sind?
Peer Joensson (07:15)
Die Abnehmenspritzen sind ein interessantes Konzept, ein interessantes Feld. Da wird sicher auch noch viel kommen. Das, was die Abnehmenspritzen machen, diese Veränderung im Hormonhaushalt, das ist letzlich das, was nach einer Operation auch passiert. Bei der Operation passiert noch viel mehr, viel nachhaltiger und vor allem viel länger. Da ist noch viel Forschung notwendig. Da werden sicher interessante Medikamente kommen, die irgendwann ernsthaft Konkurrenz machen können. Im Moment ist das Hauptproblem, dass diese Medikamente irgendwie zeitlich befristet sind. Also, Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Der Mensch hat das letztlich lebenslang. Man braucht ein Behandlungskonzept, was lebenslang wirkt. Und diese Medikamente haben auch Nebenwirkungen. wenn man Patienten spricht, gibt es viele, die sagen, die halten es gar nicht lange aus mit den Nebenwirkungen. Es wirkt auch nicht bei allen gut. Es gibt einige wenige, da wirkt es hervorragend, aber eben nicht bei allen. Und ein dritter Aspekt sind die Kosten. Im Moment sind die Spritzen sehr teuer. Auch die Tabletten sind teuer. Wenn man das hochrechnet auf lebenslang, dann ist das ein ernster Faktor. Immer…
Martina Conradt (08:29)
Mhm.
Peer Joensson (08:30)
mit einer geringeren Wirkung als die Adipositas-Chirurgie derzeit hat.
Martina Conradt (08:35)
Sie werden sicherlich, wenn sie im Freundeskreis oder wenn sie unterwegs sind und reden, werden sie über das, was sie machen, werden sie sicherlich auch ganz oft auch auf Vorurteile und gängige Argumente stoßen, dass die Leute sagen, Mensch, ja, die essen zu viel, Die sind nicht diszipliniert, die treiben keinen Sport. man müsste es doch anders machen können. Wieso muss man da operieren? ja, also es ist eher ein Zeichen von Schwäche, wenn man dann irgendwann, ich sag mal, die Kontrolle über sein Gewicht verliert oder gibt es da auch Menschen, wo Sport und Diät und so weiter einfach nicht helfen?
Peer Joensson (09:12)
Es ist definitiv kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Erkrankung. Man kann sich das heute so vorstellen, dass die Einstellung im Körper, wo der Körper sozusagen abliest, wie das Gewicht normal sein soll, die ist verstellbar, die ist falsch. Der Körper ist sehr effektiv darin, das Gewicht zu regulieren. Bei adipösen Menschen gerät das anscheinend aus dem Ruder, das Sollgewicht steigt und der Organismus passt sich die ganze Zeit an das höhere Gewicht an. Das heißt, es gibt tatsächlich auch viele adipöse Menschen, die sich bewegen, die Sport machen, die weniger essen, die Diäten machen, aber die kriegen das Gewicht nicht runter, weil der Körper immer versucht, Energie zu speichern und das Gewicht wieder anzuheben. wir Menschen sind ja alle irgendwie in unserem Körper sozusagen drin und wir haben nicht so viele Einflussmöglichkeiten. Wir als normalgewichtige Menschen hätten ein großes Problem, uns jetzt einen Bodymassindex von 30, 40, 50 anzuessen, Das würden wir relativ schwer schaffen, weil unser Körper gegen reguliert. Und so muss man sich das vorstellen. In der anderen Richtung ist es bei adipösen Menschen, sind die Regulationsmechanismen, die das Gewicht einstellen, sind eben nach oben verstellt. Und das macht das zur Erkrankung. Und ich erlebe sehr, sehr viele Menschen, die auch diszipliniert sind, die dran sind am Thema … Also man sagt immer so schön, niemand nimmt so viel ab wie übergewichtige Menschen. haben Menschen, die ihr Leben lang übergewichtig sind, die kennen sich aus mit Ernährung, die machen Diäten, die nehmen immer mal ab, mal fünf Kilo, mal zehn Kilo, aber es kommt eben immer wieder, weil sie eben gegen ihre chronische Krankheit kämpfen.
Martina Conradt (10:57)
Naja, so ungefähr war es auch bei Nicole. Sie hat gesagt, sie hat jede Diät gemacht, die es gibt. Ihr Leben lang immer Diäten und irgendwann ist ja auch der Stoffwechsel dann quasi im Eimer.
Peer Joensson (11:07)
Genau, das sind dann teilweise auch Teufelskreise, die dann angestoßen werden durch das wenige Essen, bis der Körper noch mehr angehalten, Energie zurückzuhalten und zu sparen. da kommt man dann alleine häufig nicht mehr raus. Es gibt einige wenige Menschen, die schaffen das, aber die müssen dann lebenslang immer die Ernährung ganz strikt halten und immer sich ganz strikt bewegen. Sobald die ein bisschen nachlassen, holt der Körper sich das Gewicht zurück.
Martina Conradt (11:35)
Das klingt anstrengend.
Peer Joensson (11:36)
Diese Lifestyle-Änderung, die wir in der Medizin häufig kennen oder was auch so als Vorurteil ist, man muss seinen Lebensstil ändern, wenn man ehrlich ist, ist das extrem schwer und das ist nicht so einfach zu machen.
Martina Conradt (11:54)
Was kann jetzt ein Adipositas-Zentrum, was eine normale Chirurgie nicht leisten kann?
Peer Joensson (12:04)
Also Adipositas-Operationen sind technisch sehr anspruchsvoll, sie sind komplex, vor allem auch ein, zwar seltenes, aber ein Komplikationspotenzial, wo es darauf ankommt, dass man die Komplikationen kennt und schnell behandeln kann. Das ist das Wichtige. Deswegen sollten Patienten zur Adipositas-Chirurgie wirklich nur in Häusern operiert werden, wo das häufiger gemacht wird. Und es gibt noch die Spezialität bei der Adipositas-Chirurgie, dass wir sozusagen eine Kostenzusage von den Krankenkassen brauchen. Das ändert sich gerade so in den letzten Jahren. Das ist auch mittlerweile von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Aber per se ist es so, dass diese Operationen nicht im Regelleistungskatalog der Krankenkassen drin sind und man streng genommen einen Antrag an die Krankenkasse stellen muss. Und bei diesem Antrag, da müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Also sechs Monate multimodaler Vorbereitung als Ernährungsberatung muss da erfolgen. Patienten müssen nachweisen, dass sie sich bewegen, dass sie aktiv sind. Man braucht ein psychologisches Gutachten, braucht bestimmte Laborwerte, um andere Erkrankungen, die eine Adipositas verursachen können, auszuschließen. Und all das kann strukturiert in einem Adipositas-Zentrum gut ablaufen. Aber wir haben in unserem Adipositas-Zentrum extra jemanden, der sich darum kümmert. Wir haben eine Fallmanagerin, die sozusagen die ganzen Fäden zusammenführt und mit den Patienten zusammen dieses halbe Jahr alle Befunde zusammensammelt, koordiniert, dass die Patienten zum Psychologen gehen, dass wir die Ernährungsberatungen bei uns im Haus koordinieren. Das ist relativ viel Arbeit und viel Aufwand und das lohnt sich nicht, wenn man da mal zwei, drei Patienten im Jahr operiert.
Martina Conradt (13:48)
Das heißt also jemand stellt fest… er oder sie kommt mit dem Übergewicht nicht mehr klar. Also so um mal den Ablauf zu verstehen, dann macht er sich bei Ihnen im Haus einen Termin und kommt zu einer Erstberatung und sagt, lieber Herr
Peer Joensson (13:59)
Ja.
Martina Conradt (14:01)
Doktor Joensson, ich habe einen BMI von 40, ich fühle mich ganz furchtbar. Was passiert dann mit diesem Menschen, der vor Ihnen sitzt?
Peer Joensson (14:11)
Dann gibt es erst einmal ein ausführliches Beratungsgespräch. Ich lasse mir für die Adipositas-Sprechstunde immer viel Zeit. Wir gucken zusammen, was schon passiert ist, wo auch so bisschen die Wünsche der Patienten sind. Viele Patienten kommen tatsächlich, die sind sehr gut informiert und wissen, haben eine klare Vorstellung und sagen, es muss schon Richtung Operation gehen. Aber einige kommen auch ganz unbedarft und sagen, was kann man machen? Und eben dann schaue ich mir das an und schaue ob es eine Operationsindikation gibt. Weil tatsächlich, es gibt so einen Bereich ab BMI 40 ohne Nebenerkrankungen sollte operiert werden, ab BMI 35 auch schon mit Nebenerkrankungen, also mit Bluthochdruck, mit Diabetes sollte operiert werden. Da wissen wir, dass die Patienten maximal profitieren. Bisschen schwieriger ist es, wenn die Patienten nicht ganz so adipös sind. Da besteht eben keine Operationsindikation. Da muss man dann schauen, dass man andere Methoden findet und vorschlägt ihrer Patientin, die jetzt genau…
Martina Conradt (15:08)
Also so Ernährungs...
Peer Joensson (15:10)
… dann würde immer eine Ernährungsberatung auf jeden Fall stattfinden, dann kann man auch schauen, wenn es ein Diabetes gibt, ob man doch mal eine Abnehmspritze versucht, ob da ein Effekt besteht.
Martina Conradt (15:20)
Man kann ja auch nicht einfach kommen und sagen, ich hätte gerne morgen einen Termin oder nächste Woche, sondern es dauert ja alles schon. Also die Begleitung durch die Klinik, das hatten Sie schon gesagt, mindestens ein halbes Jahr. Also sonst würde die Krankenkasse da gar nicht mitspielen. Das heißt also jemand kommt und dann muss er mindestens ein halbes Jahr warten, bis er einen OP-Termin kriegt.
Peer Joensson (15:39)
Nicht unbedingt. zum einen dieses halbe Jahr ist nicht von den Krankenkassen festgelegt, sondern das steht in unseren medizinischen Leitlinien drin. Die Krankenkassen verbeißen sich nur sehr streng darin, weil medizinisch ist es manchmal egal, ob man diese Information in vier Monaten vermittelt oder in sieben Monaten. Aber es steht in den Leitlinien drin sechs Monate, deswegen sind die Krankenkassen Punkt sechs Monate. Wichtig ist, dass die Patienten vorbereitet werden. Deswegen steht es auch in den medizinischen und chirurgischen Leitlinien zur Therapie drin. Weil sich eben doch drastisch was ändert nach der Operation, müssen die Patienten vorher eine Ernährungsberatung machen, dass sie vorher Bescheid wissen, wie sie sich ernähren, was sie ernähren müssen, um gut vorbereitet zu sein. Es gibt Studien, die zeigen tatsächlich, dass Patienten, die dieses halbe Jahr Vorbereitung durchlaufen, besser abschneiden, also mehr Gewicht verlieren und das Gewicht auch stabiler halten können als Patienten, die man einfach so von heute auf morgen operiert.
Martina Conradt (16:36)
Genau das hat Nicole auch bestätigt. Sie hat gesagt, ohne diese sehr intensive Beratung wäre das alles viel, viel schwieriger gewesen. Und was sie noch gesagt hat, was ich sehr witzig fand, ihr Mann hat eine Magenverkleinerung, sie hat eine Magenverkleinerung. Aber zwei unterschiedliche Methoden. Sie sagte, das entscheidet der Chirurg quasi im OP. Wie muss ich mir das vorstellen? Was passiert bei einer Magenverkleinerung eigentlich?
Peer Joensson (17:04)
Also ich entscheide das nicht erst im OP. Es gibt Einzelfälle, wo das mal so ist, aber ich bespreche das vorher schon sehr genau mit den Patientinnen, und Patienten, was wir da machen, Weil das schon Vor- Nachteile für verschiedene Operationsmethoden gibt. Prinzipiell gibt es ganz viele verschiedene Verfahren, aber Es gibt zwei große Klassiker. Das ist der Magen-Bypass. Da wird nichts entfernt, bleibt alles drin im Bauch, aber es wird eine Umgehung des Magens geschaffen. Man bildet einen kleinen Vormagen. Der Magen wird nach der Speiseröhre abgesetzt und dann wird dort eine Dünndarmenschlinge angenäht, sodass die Ernährung am eigentlichen Magen vorbei direkt in den Dünndarm läuft. Das ist die älteste und am besten etablierte Methode. Und der zweite große Klassiker ist der sogenannte Schlauchmagen. Der wird aus dem Magensack, der ja so relativ groß ist bei adipösen Menschen wird wirklich ein dünner Schlauch gebildet, der so zweieinhalb Zentimeter Durchmesser hat. Und das ist eine richtige klassische Verkleinerung, da wird auch was entfernt vom Magen. Und diese OP-Methoden haben alle so ihre Vor- Nachteile, bei bestimmten Nebenerkrankungen kann man das eine machen, sollte man das andere vermeiden. Und da gibt es aber auch so bisschen Vorlieben. Ich sage meinen Patientinnen, und Patienten immer, sie haben ein halbes Jahr Zeit, sie dürfen sich schlau machen. Gucken Sie auch mal, fragen Sie auch, viele haben auch Angehörige und Sie dürfen dann sagen, ich will das oder jenes und ich berate dann gerne. Wenn es dann Faktoren gibt, die zum Beispiel gegen einen Schlauchmagen sprechen, weil der Patient vielleicht eine Refluxerkrankung hat, also chronisches Sodbrennen, dann berate ich dahingehend, dass ich sage, das ist vielleicht nicht so günstig oder Patient hat eine Diabeteserkrankung, wo wir wissen, dass der Magen-Bypass deutlich besser wirkt, was diese Nebenerkrankung angeht. Dann schauen wir, dass er und die andere und die in eine Richtung beraten.
Martina Conradt (18:59)
Das klingt wahnsinnig spannend, aber erklären Sie mir bitte mit einfachen Worten, warum ist die Größe eines Magens bzw. die Operationsmethode abhängig von Nebenerkrankungen? In meiner leidenhaften Darstellung würde ich sagen, der Magen ist jetzt einfach ein bisschen kleiner, da passt weniger rein, ich esse also weniger.
Peer Joensson (19:19)
Genau, so war auch ursprünglich mal die Vorstellung, als man mit der Adipositas-Chirurgie angefangen hat. Aber man hat sehr schnell entdeckt, dass es wesentlich mehr ist als nur die Verkleinerung des Magens. Und ich habe das schon angedeutet, dass diese Abnehmenspritzen ähnliche Wirkungen haben wie das, was wir in der Magenchirurgie, in der Magenverkleinerungsschirurgie erreichen. Der Patient kann weniger essen, das stimmt, aber wir sehen ganz ausgeprägt hormonelle Effekte. Das kann man im Blut messen. Das sind Effekte, die oft schon am ersten Tag nach der Operation auftreten. Es gibt viele Hormone und Botenstoffe, mit denen der ganze Magen-Darm-Trakt mit dem Rest des Körpers kommuniziert. Und die ändern sich ganz relevant. Es gibt Hormone, die regulieren den Fettstoffwechsel, Zuckerstoffwechsel, aber es gibt auch Hormone, die direkt am Stammhirn angreifen und Hungergefühl und Sättigungsgefühl regulieren. der langfristige Erfolg dieser Operation hängt letztlich an diesen hormonellen Veränderungen. die Patienten und Patientinnen, essen, schon dramatisch weniger. Sie haben aber nicht so viel Hunger, weil diese hormonellen Rückkopplungen das Hungergefühl runterfahren. Wenn wir jetzt von einem Tag auf den anderen deutlich weniger essen würden, wir hätten mörderisch Hunger. Bei den Patienten ist es aber nicht so. Die haben weniger Hunger und der Stoffwechsel ändert sich. Wir sehen das bei Diabetespatienten, die Medikamente einnehmen müssen, zum Teil Insulin spritzen müssen. Die brauchen häufig am Tag nach der Operation deutlich weniger oder gar kein Insulin mehr. Da haben sie noch nicht ein Gramm Fett abgenommen. also solch hormonelle Effekte, die kommen sofort.
Martina Conradt (20:58)
Das ist ein sehr spannendes Thema und ich glaube auch der Körper ist wirklich ein spannendes Konstrukt. Also das ist Wahnsinn,
Peer Joensson (21:04)
Ja.
Martina Conradt (21:06)
was so möglich ist, wie man auch den Körper so ein bisschen austricksen kann dadurch.
Peer Joensson (21:11)
Ja, das ist auch das, mich am meisten fasziniert an der Adipositas-Chirurgie, dass es eben nicht nur dieses mechanische ist, dass wir nur den Magen kleiner machen, sondern dass es eben viel, mehr ist. für mich auch immer beeindruckend, wenn wir Patienten nach so einer Operation noch mal operieren müssen. Manche Patienten bekommen zum Beispiel Gallensteine und dann muss man nach der Operation, macht man eine Gallenblasenoperation. Und Patienten die mit einem Bodymassindex 40-45 operiert werden, die bleiben leicht übergewichtig. Also die gehen nicht ins Normalgewicht runter. Und die haben dann vielleicht ein leichtes Übergewicht. Man sieht den an, die haben noch ein bisschen Unterhautfettgewebe. Die sind also nicht super schlank. Wenn man aber in den Bauch reinguckt, wenn man wieder operiert, sieht man, dass das ganze Fett in den Organen, das viszerale Fett, was das schlechte Fett ist, das Fett, krank macht, das ist drastisch reduziert. Also das ist richtig auffällig. Und das ist beeindruckend.
Martina Conradt (22:07)
Toll. Ja, das klingt so. Sie operieren in der Regel minimal invasiv, das heißt es gibt keine großen Schnitte mehr. Erklären Sie mir das. Sie haben also einen Menschen, der einen ordentlichen Bauch hat, ich mal, oder ordentlich. Da ist ja eine Fettschicht. Wie…
Peer Joensson (22:24)
Ja, ja.
Martina Conradt (22:26)
… breit ist die in der Regel? Kann man so was in Zentimetern sagen?
Peer Joensson (22:32)
Das ist ganz unterschiedlich. Das hängt auch an der Fettverteilung. Es gibt die Fettverteilung, wo das Fett hauptsächlich im Bauch ist. Diese Menschen haben teilweise eine relativ dünne Bauchdecke. Da haben wir 3-4 cm maximal. Dann ist alles im Bauch, zwischen den Därmen und den Organen. Diese Patienten sind häufiger die, die auch kränker sind, die mehr metabolische Probleme haben. Genau.
Martina Conradt (22:54)
Das ist das viszerale Fett, was so gefährlich ist.
Peer Joensson (22:59)
Und wir haben den Fettverteilungstyp, es eher Unterhautfettgewebe ist, wo wir schon Bauchdecken-Schichten, ja, 7, 8, 10 cm teilweise haben. und dann Minimalinvasiv ist ja mittlerweile Standard bei ganz vielen Operationen. Also wir versuchen ja eigentlich fast alles im Bauchraum, wenn es geht, minimalinvasiv zu operieren. Das heißt, wir machen kleine Schnitte, alle etwa so 1 cm, führen dann so Kunststoff oder Metallhülsen einmal durch die Bauchdecke durch und dann können wir mit kleinen Instrumenten da reingehen und vor Ort operieren. Dafür muss der Bauchraum mit CO2 Gas aufgeblasen werden, dass wir eine Höhle haben, in der wir bearbeiten können. Und das funktioniert bei adipösen Menschen auch deutlich besser als wenn wir immer einen Bauchschnitt machen würden. Das wäre eine riesen Wunde. Das ist auch körperlich sehr anstrengend, das offen zu operieren. Deswegen ist das total gut, das minimal massiv zu machen. Und das funktioniert. Wenn man einmal vor Ort ist und durch die Bauchdecke durch ist, dann ist das auch kein Problem.
Martina Conradt (24:02)
Es passiert viel im Körper. Wie hoch sind die Risiken? Wie riskant ist so eine Operation?
Peer Joensson (24:10)
Also das Risikoprofil, das insgesamt eine Komplikation eintritt, liegt bei unter 5%.
Martina Conradt (24:17)
Okay.
Peer Joensson (24:17)
Das ist so etwa im Bereich auch für eine Gallenblasenoperation, ist das Risikoprofil unter 5%. Also da sind wir in einem sehr sicheren Bereich. Allerdings sind die Sachen, die als Komplikation passieren können, teilweise ernst und schwerwiegend. Das Gefürchtigste ist, dass dieser Nahtstellen, Abschersetzungsstellen am Magen und Dünndarmbereich, dass es zu Undichtigkeiten kommt. Das kann auftreten und dann ist eben wichtig, dass man das schnell entdeckt und richtig behandelt. Mit einer richtigen Behandlung kann man das nämlich auch gut in den Griff bekommen.
Martina Conradt (24:52)
Und diese Behandlung wäre dann eine weitere Operation oder wäre das dann ein Medikament? Ich zappel hier so rum, weil hier ist irgendwie eine kleine Fliege vor meiner Optik, die mich gerade so ein bisschen nervt. Das sehen ja unsere Hörer nicht, aber wer uns zuschaut,…
Peer Joensson (25:02)
Ja.
Martina Conradt (25:05)
… wer diesen Podcast zum Beispiel bei YouTube schaut, der sieht, dass ich gerade so bisschen rumfummele hier mit meinen Händen. Er hat da so eine kleine Fliege hier in der Wohnung. Gut, also Medikamente oder eine weitere OP, wenn ein Risiko auftritt?
Peer Joensson (25:21)
Wir versuchen, eine weitere Operation zu vermeiden. Es gibt ein modernes, sehr elegantes Verfahren, kleine Undichtigkeiten an solchen Nähten zu behandeln. Das wird endoskopisch gemacht. Über eine Art Magenspiegelung kann man von innen dann mit einem Schwamm das Loch abdichten. An diesen Schwamm kommt an einen Schlauch eine Unterdruckpumpe. Dann wird das Loch sozusagen mit einem Unterdruck abgedichtet. Dann wartet man ein paar Tage und dann lässt man das ausheilen. Das ist das Effektive, was in der Regel sehr gut funktioniert. Dass wir bei einer Komplikation noch mal operieren müssen, gibt es auch, aber es ist extrem selten der Fall.
Martina Conradt (26:02)
So, jetzt kommt der Patient aus dem OP, im Aufwachraum, liegt in seinem Zimmer und beginnt sofort ein neues Leben.
Peer Joensson (26:13)
Naja, schon. da die Patienten am ersten Mal gar nichts essen können, merken sie schon relativ schnell, dass sich was verändert hat. Wir fangen auch nicht gleich an und bieten den Patienten Essen an, sondern wir gehen ganz schrittweise ran. Patienten dürfen am OP-Tag selber schon schluckweise bisschen Wasser und Tee trinken. Am nächsten Tag gibt es ein bisschen mehr zu trinken und zwei, drei Löffel Naturjoghurt. Und dann merken die Patienten schon, rutscht gar nicht mehr so gut und sie haben Übelkeit meistens. Das bessert sich aber relativ schnell und die Patienten kriegen von uns ein ganz festes Kostaufbauschema an die Hand. Die bleiben also die ersten drei Wochen eigentlich nur bei Suppe und pürierter Kost, dass sie sich langsam dran gewöhnen können und der neue Magen sich auch daran gewöhnen kann. Und dann wird das schrittweise aufgebaut, dass sie sich langsam an festere Nahrung wieder rantasten können. Aber das ist schon eine drastische Veränderung von heute auf morgen. Das schon.
Martina Conradt (27:11)
Wie ist es mit dem Appetit? Weil Essen ist ja nicht oft Hunger. Das ist ja bei…
Peer Joensson (27:16)
Mhm.
Martina Conradt (27:16)
übergewichtigen Menschen oftmals so, dass sie ihr Hungergefühl verlieren oder verloren haben. Essen ist ja ganz oft auch Appetit, Belohnung gelernte Verhaltensmechanismen und Methoden. Ich war mal in Disneyland vor 100 Jahren und da war das so, bevor die Ecke ein Hamburgerstand war oder eine Bäckerei, hat man in die Erde so Duftdrüsen eingebaut. Das heißt also, man hat frische Brötchen und Kuchen geduftet, bevor man überhaupt die Bäckerei gesehen hat. Mit ganz gefährlichen Tricks wird da gearbeitet, sämtliche Synapsen im Körper sagen, ich möchte jetzt unbedingt ein Stück Kuchen, möchte ein Eis, möchte hier, ich möchte da. Wie ist das mit dem Appetit nach so einer Operation?
Peer Joensson (28:06)
Der ist wenig. Also die Patienten leiden nicht darunter, dass sie nichts essen können. Das ist immer wieder beeindruckend, weil die Patienten essen ja wirklich wenig. Aber viele Patienten sind relativ fit, fühlen sich gut und sagen, es geht ihnen gut. Viele wollen auch schnell wieder arbeiten gehen, wo ich auch mal sage, schauen sie, dass es ihnen gut geht, sie essen wenig, aber sie leiden nicht darunter, dass sie so wenig essen. Sie haben natürlich auch ein Stück weit darauf hingearbeitet, das ist auch wieder der Vorteil, wenn man ein bisschen Vorbereitungszeit hat, dass die Patienten wissen, da ändert sich was, aber es sind eben auch diese hormonellen Veränderungen, die nicht die ganze Zeit sozusagen anstoßen, der Magen ist leer, bitte was essen. dieses Signal fällt eben weg und das macht es den Patienten deutlich leichter. Also wenn man Patienten jetzt einfach so von heute auf morgen diese Diät geben würde, die sie nach der Operation kriegen, da würden Menschen schon darunter leiden mit Hunger und Appetit. Aber nach der OP ist es erstaunlich, dass sie darunter nicht leiden.
Martina Conradt (29:11)
Hm. Jetzt muss ich nochmal auf Nicole kommen. Die hat nämlich was ganz lustiges erzählt. Also für alle die, die den ersten Podcast noch nicht gehört haben, hört euch bitte, "Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast" mit Nicole Urbschat an, die ist da relativ drastisch in dem, was sie sagt. Sie hat nämlich gesagt, ihr Chirurg hat damals gesagt, ich kann ihren Magen operieren, aber nicht ihr Gehirn. Also das sollte man schon nicht falsch einschätzen. Also man muss schon mitdenken, wenn man sich für so eine Operation entscheidet.
Peer Joensson (29:41)
Ja, auf jeden Fall. Man darf auch nicht unterschätzen, dass auch bestimmte Verhaltensstrategien hinter dem Essen stecken. Also einen Frustabbau und auch mal Langeweile abzubauen. Das muss den Patienten schon bewusst sein. Um um da keine schwerwiegenden Erkrankungen, Essstörungen zu übersehen, gehört auch vor jede Operation eine psychologische Vorstellung. Weil ich als Chirurg das nicht in der Tiefe einschätzen kann, wie es ein Psychologe oder Psychotherapeut machen kann.
Martina Conradt (30:11)
Das heißt, es wird bei Ihnen im Hause auch angeboten Martin Luther Krankenhaus. Sie arbeiten mit Psychologen zusammen.
Peer Joensson (30:14)
Genau, das gehört ganz fest zur Vorbereitung dazu. Wir haben Psychologen, Psychotherapeuten, die für uns die Begutachtung machen. Das wird alles vorher organisiert. Dann müssen die Patienten sich letztlich auch um nichts kümmern. Das macht unsere Fallmanagerin, dort den Kontakt herzustellen und einen Termin zu machen.
Martina Conradt (30:37)
…Wenn ich mich jetzt für so eine Operation entscheide, dann gibt es ja noch andere Nebenwirkungen. Deshalb ist ja so eine Adipositas-Operation, Adipositas-Chirurgie nicht wirklich eine Lifestyle-Geschichte. Denn wenn ich 50 Kilo verliere oder 60 oder 70 oder 100, auch das gibt es, dann bleibt ziemlich viel Pelle übrig. Das heißt, die Menschen müssen auch darauf vorbereitet sein, dass man zwar schlanker wird, aber nicht zwingend attraktiver. Ist das jetzt zu hart formuliert?
Peer Joensson (31:17)
Doch, das kann man so sagen. Wir sind keine Schönheitschirurgie, wir haben keinen Schönheitsansatz. Natürlich ist häufig bei vielen ein niedrigeres Gewicht, ein attraktiveres Erscheinen als ein höheres Gewicht. So ist irgendwie der Standard in unserer Gesellschaft. Aber wie Sie sagen, die Haut schafft es meistens nicht so ganz. Den enormen Gewichtsverlust mitzumachen, wobei das bei jedem Menschen auch unterschiedlich ist, das kann man vorher immer nicht genau sagen. Aber es ist nicht so, dass Patienten automatisch attraktiver und schöner werden mit der Operationen. Das ist auch überhaupt gar nicht unser Ziel. Wir wollen die Krankheit verhindern, wir Folgeerkrankungen verhindern und letztlich damit auch das Leben verlängern. Und wir hinterlassen…
Martina Conradt (32:05)
Ja, das ist…
Peer Joensson (32:05)
… natürlich Spuren, wenn wir das behandeln. Also dieser schnelle Gewichtsverlust hinterlässt schon Spuren, indem er eben dazu führt, dass Hautlappen eben auch hängen können. Gerade wenn Patienten eine sehr ausgeprägte Fettschürze am Bauchbereich haben, wenn dort das Fett zurückgeht, die Haut schafft es meistens nicht so gut. Da gibt es aber Möglichkeiten, wenn das ausgeprägt ist, also wenn das Gewicht runter ist und stabil ist, das dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre, bis das sich stabilisiert hat und dann bleibt das Gewicht auch so und dann kann man schauen, okay wie sieht das jetzt aus? Ist es was, was medizinisch stört? Also gibt es Aspekte, wo man sagt, das funktioniert medizinisch gar nicht, weil Haut auf Haut liegt, es zur Entzündungen kommt oder ist es etwas, was kosmetisch stört und das kann man dann zusammen mit einem Plastischen Chirurgen oder einer Plastischen Chirurgin sich anschauen und auch gegebenenfalls nochmal operieren.
Martina Conradt (33:00)
Sie haben es ja eben schon so angedeutet. Also diese Operation kann durchaus lebensverlängernd sein.
Peer Joensson (33:08)
Auf jeden Fall.
Martina Conradt (33:08)
Haben Sie schon mal...
Peer Joensson (33:11)
Also dadurch, dass wir die Volkskrankheiten des Bluthochdrucks damit gut behandeln können, weil der Hauptrisikofaktor Übergewicht eben zurückgeht. Wir können Diabetes behandeln, sodass er häufig so zurückgeht, dass man vorübergehend keine Therapie mehr braucht. Fettstoffwechselstörungen. Das sind ja alles Erkrankungen, die zu einer Gefäßverkalkung führen, was letztlich dann zu Herzinfarkt und Schlaganfall führt. das sind, wenn man das zurückdrehen kann, diese Erkrankungen, diese Operationen, dann ist das lebensverlängernd, weil das sind die Erkrankungen, woran wir in der zivilisierten Welt häufig sterben. Und es ist noch eine ganze Reihe von anderen Nebenerkrankungen, die mit einem hohen Gewicht einhergehen können. Es gibt auch für ganz viele Tumorerkrankungen ganz festen Zusammenhang mit dem Körpergewicht. Da gibt es richtig Berechnungstabellen, wo man pro BMI-Punkt mehr im Übergewicht berechnen kann, wie viel 0,0 Prozent eine Wahrscheinlichkeit für einen Darmkrebs zum Beispiel steigt. Und wenn man da das Gewicht runternimmt, dann sinkt dieses Risiko auch und das ist natürlich auch Prophylaxe und am Ende auch lebensverlängernd.
Martina Conradt (34:23)
Haben Sie es schon mal erlebt, dass jemand wieder deutlich zugenommen hat nach einer solchen Operation?
Peer Joensson (34:29)
Ja, das gibt es leider. Es gibt sogenannte Therapieversager. Das ist ein relativ schwieriges Thema. Das ist zum Glück sehr, sehr selten. Das wird auch bei uns in der Fachgesellschaft, auch auf Kongressen, ist das ein Thema, worüber viel gesprochen wird, weil wir die Patienten dann natürlich nicht alleine lassen wollen. Es gibt dann die Möglichkeit, diese Therapie zu erweitern. Da kommen tatsächlich dann auch Abnehmspritzen ins Spiel, die man dann auch ausprobieren kann, sozusagen zusätzlich zur Operation, die dann nicht so viel gebracht hat oder wo das Gewicht wiedergekommen ist. Oder es gibt auch die Möglichkeit, Folgeoperationen anzubieten, dass man sozusagen dann zum Beispiel ein Verfahren wechselt, dass man von dem Schlauchmagen auf dem Magen-Bypass wechselt. Das geht operativ oder dass man den Magen-Bypass noch mal so verändert, dass die Wirkung noch mal gesteigert wird. Das ist aber wie gesagt ein schwieriges Thema und Da gibt es Patienten, die sprechen gar nicht erst richtig gut an, die nehmen irgendwie 15 Kilo ab und dann bleibt das Gewicht. Und es gibt Patienten, die nehmen richtig gut ab und irgendwann nehmen sie wieder stark zu. Dann muss man immer schauen, woran liegt das? Ist es vielleicht dann doch eine ganz falsche Ernährung? Oder gibt es strukturelle Probleme? Manchmal gibt es dass zum Beispiel sich ein Schlauchmagen wieder ausweitet. Und das muss man sich dann im Detail anschauen.
Martina Conradt (35:55)
Also es hat viel, viel, damit zu tun, dass man tatsächlich sein Leben dann doch dauerhaft anpasst. Oder ist ein Rückfall, ein Therapieversagen, wie Sie es gerade formuliert haben, tatsächlich vielleicht eher genetisch, dass die Menschen gar nichts dafür können? Oder ist es so, dass man sagt, dann nehme ich halt jeden Tag, wenn ich wenig essen kann, esse ich nur hochkalorisch Eis oder was auch immer?
Peer Joensson (36:20)
Genau, also das erste, was wir machen, wenn das Gewicht wieder zunimmt, ist natürlich auch eine ordentliche Ernährungsanamnese. Und wenn man dann hört, Patientin oder Patient isst wieder mehr. Es gibt auch Menschen, die sind ganz stolz darauf, dass sie sagen, gestern habe ich schon wieder eine halbe Pizza geschafft und am Tag drauf war es schon wieder eine Dreiviertel Pizza. Das gibt es auch. Wir wissen halt leider vorher nicht, wie ausgeprägt die hormonellen Veränderungen den Appetit und Hunger wirklich runterfahren und es gibt Menschen, die sind da eben leider so, dass das nicht so stark runtergefahren wird und die haben eben dann doch noch bisschen Appetit und Hunger und ernähren sich dann auch falsch. Dann kann man aber über eine gute Ernährungsberatung kann man tatsächlich auch wieder was schaffen. Aber dass es eine genetische Disposition gibt für einen Rückfall oder für ein Therapieversagen, das ist nicht bekannt.
Martina Conradt (37:13)
Ist das eine Entscheidung fürs Leben? Also wenn ich jetzt mich entscheide, ich lasse jetzt eine Magenoperation machen, welche auch immer, also Adipositaschirurgie im klassischen Sinn, kann ich irgendwie, wenn ich damit nicht klarkomme, sagen, okay, ich möchte mein altes Leben zurück?
Peer Joensson (37:31)
kann man ein Stück weit, das kommt ein bisschen auf die Operationsmethode an, ist aber in allerwenigsten Fällen sinnvoll. Also dass man sagt, man muss da wieder operativ was zurückbauen, ist eine absolute Rarität und sollte eigentlich auch vermieden werden, weil wir wollen ja die chronische Erkrankung behandeln und es muss Patientinnen und Patienten bewusst sein, wenn man da operativ wieder was verändert, dass dann das Gewicht auch wieder kommt, weil diese Operation ist ja die Bremse für die Gewichtszunahme und wenn man das wieder zurückbaut, dann kommt das Gewicht wieder. Es gibt aber, das sind Einzelfälle, auch das sind immer so interessante Fälle, die mal auf Kongressen dann berichtet werden. Wenn Patienten mit bestimmten Nebenwirkungen, Nebenerscheinungen gar nicht zurechtkommen, dann gibt es mal Einzelfälle, wo auch mal operativ das wieder zurückgebaut wird. Aber das sind wie gesagt Einzelfälle, das ist extrem selten notwendig.
Martina Conradt (38:30)
Dr. Jonsson, wenn jetzt jemand über uns gehört hat, bei unserem wunderbaren Podcast, Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast, und jetzt darüber nachdenkt, was würden Sie ihm somit auf den Weg geben? Was sind so die wichtigsten Parameter, wenn jetzt jemand eine Entscheidung trifft oder darüber nachdenkt, vielleicht tatsächlich mal sich beraten zu lassen in einem Adipositaszentrum wie am Martin-Luther-Krankenhaus?
Peer Joensson (38:53)
Wenn Sie drüber nachdenken, sich beraten zu lassen, dann lassen Sie sich beraten. Wenn dieser Schritt schon da ist, dass man sagt, ich komme allein nicht weiter, mein Umfeld ist keine Hilfe, dann suchen Sie sich Hilfe. Es ist eine Erkrankung und das muss behandelt werden und das am besten in einem Adipositas-Zentrum. Wenn die Frage aufkommt, soll ich mich beraten lassen, dann lassen Sie sich beraten und wir beraten auch sehr niederschwellig. Sie können auch zu uns in das Adipositas-Zentrum kommen mit einem Bodymass-Index, der niedriger ist. Oder Sie wollen gar nicht operiert werden, Sie haben einfach eine andere Frage. Oder Sie sind ganz offen. Also wir beraten auch ganz, ganz offen.
Martina Conradt (39:36)
Und was mich jetzt noch mal so persönlich interessiert, sind es eigentlich mehr Männer oder mehr Frauen, die zu Ihnen kommen?
Peer Joensson (39:42)
Es sind mehr Frauen tatsächlich. Wir haben einen größeren Anteil an Frauen, die operiert werden. Das ist auch deutschlandweit so. Es gibt ein ganz gutes Qualitätssicherungstool für alle adipositas-chirurgischen Eingriffe in Deutschland. Da gibt es regelmäßig Auswertungen und da kann man es immer ganz gut sehen. Und es lassen sich mehr Frauen operieren.
Martina Conradt (40:01)
Weil die mutiger sind?
Peer Joensson (40:04)
Kurz gesagt, Also Frauen haben ja…
Martina Conradt (40:05)
Mmh.
Peer Joensson (40:05)
… insgesamt eine bessere Gesundheitsfürsorge. Deswegen haben sie auch eine längere Lebenserwartung und das sieht man auch in der Adipositas-Chirurgie. Frauen gehen das eher an. ist ja für viele auch ein schwieriges Thema. Ich bewundere tatsächlich auch häufig den Mut meiner Patientinnen und Patienten, weil an sich Adipositas als Krankheit tut ja so erstmal nicht weh, außer die Gelenke tun weh, außer man wird vielleicht… sozial stigmatisiert. Aber die Krankheit selber tut nicht weh, der Bluthochdruck tut nicht weh und man muss sozusagen dann die Entscheidung treffen aus einem Leben, wo man sich vielleicht so wohlfühlt, vielleicht nur kleine Eingeschränkung hat, so einen massiven Schritt zu gehen, auch mit den Risiken einer Operation und das auch nachzuvollziehen, dass da Patientinnen und Patienten zögern, weil sie sagen, naja vielleicht geht es ja auch so, das Umfeld sagt auch, einfach weniger essen. Das ist schon ein Schritt und das machen eher Frauen, dass sie sagen, okay, rational weiß ich, und sehe die Gefahr die da ist und da gehe ich lieber jetzt die kleinere Gefahr ein, die große Gefahr fürs Leben zu verhindern. Und das ist sicher der Grund, warum mehr Frauen kommen.
Martina Conradt (41:17)
Ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich recht herzlich, dass Sie sich Zeit genommen haben. Weil müssen Sie heute noch in den OP oder?
Peer Joensson (41:24)
Ja, ich muss heute noch zur Arbeit und es wird auch heute noch operiert.
Martina Conradt (41:29)
Dr. Peer Jonsson, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein-Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie am Martin Luther Krankenhaus in Berlin und Koordinator des Adipositas Zentrums. Und was durften wir heute lernen? Adipositas Chirurgie, das ist keine Lifestyle-Entscheidung, sondern da geht es wirklich die eigene Gesundheit, die Verlängerung des Lebens, die Erhöhung der Lebensqualität. Niemand muss damit alleine bleiben. Wenn man jetzt überlegt, wäre das was für mich, da braucht man nicht sein BMI zu berechnen, der muss jetzt nicht zwingend bei 35 oder 40 liegen, man kann einfach hingehen und sagen, Mensch Leute, guckt euch mal meinen Körper an, könnt ihr mir helfen und ich gehe mal davon aus, dass man dann oder Frau je nachdem die Hilfe bei Ihnen findet, oder? Gut.
Peer Joensson (42:20)
Richtig. Dafür sind wir da, dass wir Patientinnen, helfen.
Martina Conradt (42:24)
Es geht wirklich nicht darum, bestimmten Körperbild zu entsprechen. Es geht darum, sich wohlzufühlen. damit sage ich vielen, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Euch danke ich wie immer fürs Zuhören und fürs Zuschauen. Ich freue mich wahnsinnig, wenn ihr uns folgt. Es gibt inzwischen schon relativ viele Folgen von Warum ich, der andere Gesundheitspodcast. Ihr könnt zum Beispiel mal Micha kennenlernen. Als Mädchen geboren, lebt inzwischen als Mann. Oder ihr könnt Vanessa kennenlernen, die zweimal stärker war als der Brustkrebs oder ihr könnt ja zum Beispiel Bernd kennenlernen, der mit Lungenkrebs und COPD lebt und das alles verlinken wir in unseren Show Notes und damit sage ich danke und freue mich aufs nächste Mal. Tschüss, Dr. Jonsson.
Peer Joensson (43:07)
Danke.
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