Was passiert nach einer Lungenkrebsdiagnose eigentlich zwischen Visite, Untersuchungen und Therapie? Wer bemerkt, dass Nebenwirkungen stärker werden, dass die Angst vor Atemnot wächst oder dass Patient*innen zu Hause zusätzliche Unterstützung brauchen? In der Podcast-Folge von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ spricht Moderatorin Martina Conradt mit Matthias Ehrhardt, Fachpfleger für Onkologie an der Evangelischen Lungenklinik in Berlin-Buch.
Matthias Ehrhardt arbeitet auf der pneumologischen Onkologie und ist stellvertretender Leiter des Pflege- und Prozessmanagements. Sein Blick auf Lungenkrebs ist deshalb ein anderer als der von Bernd Oertwig in der vorherigen Podcast-Folge: Bernd erzählt, wie er selbst Lungenkrebs, eine Operation und COPD Stadium 4 erlebt. Matthias Ehrhardt zeigt nun, was spezialisierte Pflege leisten kann, welche Warnzeichen Pflegefachkräfte wahrnehmen, wie sie Patient*innen durch Therapien begleiten und warum Kommunikation manchmal genauso wichtig ist wie ein Medikament.
Video-Podcast zur Folge mit Matthias Ehrhardt
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Informationen zum Lungenkrebszentrum der Evangelischen Lungenklinik
Bei Lungenkrebs zuerst den Menschen sehen
Wer eine onkologische Station betritt, bringt nicht nur eine Diagnose mit. Matthias Ehrhardt interessiert deshalb auch, was hinter der Erkrankung steht: Hat eine Patientin Familie? Lebt die Person allein? Ist sie berufstätig oder selbstständig? Gibt es Angehörige, die bei der Versorgung helfen können? Welche Ängste beschäftigen Sie?
Diese Informationen können für die Behandlung und vor allem für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt wichtig werden.
Pflege bedeutet für Matthias Ehrhardt deshalb weit mehr als Grundversorgung. Pflegefachkräfte verbringen viel Zeit mit Patient*innen, hören Gespräche zwischen den Zeilen und erleben Veränderungen häufig unmittelbar. Schon bei der Aufnahme geht der Blick auch darauf, was später zu Hause notwendig sein könnte: Medikamente, Ernährung, Unterstützung durch Angehörige, Sozialdienst oder bei einer fortgeschrittenen Erkrankung möglicherweise eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung.
Gerade bei einer schweren Krebsdiagnose können medizinische und persönliche Fragen nicht voneinander getrennt werden.
Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs. Matthias Ehrhardt unterscheidet im Gespräch vor allem zwei große Gruppen: das nicht-kleinzellige und das kleinzellige Lungenkarzinom. Das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom kommt häufiger vor. Beim kleinzelligen Lungenkarzinom handelt es sich um eine besonders schnell wachsende Form. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sich auch die Behandlung unterscheidet. Beim kleinzelligen Lungenkarzinom kann eine Chemotherapie zunächst gut wirken, erklärt Ehrhardt. Gleichzeitig kann die Erkrankung wieder rasch fortschreiten. Welche medizinische Diagnose vorliegt und welche Therapie daraus folgt, entscheiden Ärztinnen. Für spezialisierte Pflegefachkräfte ist das Wissen um Tumorart und Therapie dennoch entscheidend: Sie müssen verstehen, welche Behandlung eine Patient*in erhält, welche Nebenwirkungen auftreten können und worauf bei Beratung und Beobachtung besonders zu achten ist.
Die Behandlung von Lungenkrebs hat sich nach Matthias Ehrhardts Erfahrung in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Neben klassischen Chemotherapien stehen für bestimmte Patient*innen zunehmend zielgerichtete Therapien zur Verfügung. Er erlebt auf seiner Station heute Patient*innen über deutlich längere Zeiträume als zu Beginn seiner Tätigkeit vor rund zehn Jahren. Manche neuen Behandlungen können eine Erkrankung länger kontrollieren und gleichzeitig die Lebensqualität erhalten. Doch nicht jede Therapie ist für jeden Patientin geeignet. Und mehr Behandlung bedeutet nicht automatisch mehr Lebensqualität. Für Ehrhardt gehört deshalb zu guter Versorgung auch die Frage: Was möchte der Mensch selbst? Welchen Nutzen kann eine Therapie bringen? Welche Belastungen sind damit verbunden? Und wann kann es sinnvoller sein, Symptome zu lindern, anstatt weitere belastende Behandlungen anzuschließen? Das Lungenkrebszentrum der Evangelischen Lungenklinik bündelt Diagnostik, Therapie und Nachsorge.
Patient*innen erzählen nicht immer von allen Nebenwirkungen einer Krebstherapie. Dahinter kann die Sorge stehen, dass eine Behandlung reduziert oder sogar beendet wird. Ein typisches Beispiel sind Übelkeit und Erbrechen. Manche Patient*innen gehen davon aus, dass solche Beschwerden zu einer Chemotherapie eben dazugehören und ausgehalten werden müssen. Für Matthias Ehrhardt ist deshalb Kommunikation eines der wichtigsten Instrumente der onkologischen Pflege. Pflegefachkräfte beobachten gleichzeitig sehr genau. Verändert sich das Gangbild? Stolpert jemand häufiger? Lassen sich kleine Gegenstände schlechter greifen? Solche Veränderungen können Hinweise auf Nervenschädigungen sein. Auch Lippenfarbe, Gewichtsverlauf und Veränderungen der Mundschleimhaut können wichtige Hinweise geben. Die Pflege arbeitet dabei eng mit Ärzt*innen zusammen und kann früh darauf aufmerksam machen, wenn weitere Diagnostik oder eine Behandlung von Nebenwirkungen notwendig wird.
Kaum ein Bereich ist nach Ehrhardts Erfahrung so stark von Informationen aus Internet, sozialen Medien und inzwischen auch KI-Systemen geprägt wie Ernährung und Krebs. Immer wieder begegnet ihm die Vorstellung, ein Tumor könne durch den weitgehenden Verzicht auf Zucker, wie beispielsweise bei einer ketogene Ernährung, „ausgehungert“ werden. Davon hält er wenig. Gerade Tumorerkrankungen können dem Körper viel Energie entziehen. Wenn Patient*innen gleichzeitig ihre Nahrungsaufnahme stark einschränken, können Gewichtsverlust und eine Verschlechterung des Allgemeinzustands die Folge sein. Auch Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine sollten nicht einfach zusätzlich genommen werden, ohne darüber zu sprechen. Mögliche Wechselwirkungen mit einer Krebstherapie müssen berücksichtigt werden. Komplementäre Maßnahmen lehnt Matthias Ehrhardt dagegen nicht grundsätzlich ab. Entscheidend ist für ihn, dass sie die medizinische Therapie ergänzen und nicht ersetzen – und dass Patient*innen mit dem Behandlungsteam darüber sprechen.
Atemnot gehört zu den belastendsten Erfahrungen vieler Menschen mit schweren Lungenerkrankungen. Bernd Oertwig beschreibt in der vorherigen Podcast-Folge eindrücklich, wie er nach seiner Lungenoperation aufwachte und nur noch dachte: Luft, Luft, Luft. Auch Matthias Ehrhardt erlebt diese Angst häufig auf Station. Atemnot kann schnell Panik auslösen. Dann reicht es nicht, einem Menschen einfach zu sagen, er solle ruhiger atmen. Neben ärztlich verordneten Medikamenten und Inhalationen können nach Ehrhardts Erklärung auch einfache Maßnahmen unterstützen. Dazu gehört beispielsweise der sogenannte Kutschersitz: aufrecht sitzen, den Oberkörper leicht nach vorne neigen und dadurch die Atemhilfsmuskulatur nutzen. Enge Kleidung kann geöffnet und für frische Luft gesorgt werden. Vor allem aber hilft eine ruhige Begleitung. Patient*innen mit chronischer Atemnot sollten außerdem wissen, ab welchem Punkt ihre üblichen Maßnahmen nicht mehr ausreichen und ärztliche beziehungsweise notfallmedizinische Hilfe notwendig wird. Wie sich Atemnot aus Sicht eines Betroffenen anfühlt, erzählt Bernd in der vorherigen Podcast-Folge.
Rauchen ist nach Matthias Ehrhardts Einordnung der wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs. Trotzdem erkranken nicht ausschließlich Raucher*innen. Im Gespräch kommen auch andere mögliche Belastungen zur Sprache, darunter berufliche Schadstoffe wie Asbest und Radon. Für Ehrhardt ist gerade deshalb die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen mit Lungenkrebs problematisch. Selbst wenn Rauchen eine Rolle gespielt hat, kennt niemand die gesamte Lebensgeschichte eines Menschen. In der Pflege steht nicht die Frage im Vordergrund, wer „Schuld“ an einer Erkrankung hat. Entscheidend ist, welche Unterstützung ein Mensch jetzt benötigt.
Lungenkrebs wird häufig erst entdeckt, wenn bereits Beschwerden bestehen. Deshalb richtet sich viel Aufmerksamkeit auf die Früherkennung bei Menschen mit erhöhtem Risiko. Matthias Ehrhardt bewertet das neue Lungenkrebs-Screening grundsätzlich positiv. Er ist besonders gespannt darauf, wie gut das Angebot angenommen wird. Gerade Männer seien bei Vorsorge- und Früherkennungsangeboten teilweise zurückhaltend. Diese Screenings, die seit Mai 2026 von der gesetzlichen Krankenkasse angeboten werden, sind auch in der Evangelischen Lungenklinik in Berlin-Buch und der Evangelischen Elisabeth Klinik in Mitte möglich. In der Podcast-Folge spricht er außerdem darüber, welches Potenzial moderne Bilddiagnostik und künftig möglicherweise auch KI-gestützte Auswertungen haben könnten. Wer genau Anspruch auf ein Lungenkrebs-Screening hat und welche Voraussetzungen gelten, ist eine medizinische und organisatorische Frage, die nicht allein aus diesem Pflegegespräch beantwortet werden kann. Weitere Informationen zu Diagnostik und Behandlung von Lungenerkrankungen.
Nicht jede Lungenkrebserkrankung kann geheilt werden. Dann verändert sich das Ziel der Behandlung. Symptome wie Schmerzen und Atemnot zu lindern und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten, kann in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig können Fragen zur Versorgung zu Hause, zur Unterstützung durch Angehörige, zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung oder zu einem Hospiz wichtig werden. Für Matthias Ehrhardt bedeutet palliative Versorgung nicht, dass „nichts mehr gemacht“ wird. Manchmal geht es um große Ziele: eine Hochzeit erleben oder ein Enkelkind aufwachsen sehen. Manchmal um einen kleinen Wunsch wie eine Currywurst. Gerade solche Situationen zeigen, wie viel spezialisierte Pflege neben medizinischen Therapien leisten kann. Informationen zur onkologischen und palliativen Pflege an der Evangelischen Lungenklinik.
Moderne Krebsmedizin bietet zunehmend mehr Behandlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig bleibt die Entscheidung bei den Patient*innen. Matthias Ehrhardt erlebt auch Menschen, die eine mögliche Therapie ablehnen. Gerade für das Behandlungsteam kann das schwer auszuhalten sein, etwa wenn aus fachlicher Sicht noch Optionen bestehen. Seine Haltung ist dennoch klar: Ein urteilsfähiger Mensch darf entscheiden, eine Behandlung nicht zu wollen. Aufgabe von Ärzt*innen und Pflegefachkräften ist es dann nicht, eine Entscheidung mit Druck zu verändern. Sie müssen informieren, beraten und anschließend helfen, den gewählten Weg bestmöglich zu gestalten. Dazu können Sozialdienst, Psychoonkologie, Seelsorge oder eine palliative Versorgung gehören.
Matthias Ehrhardt erlebt die Entwicklung der Lungenkrebsbehandlung seit Jahren unmittelbar auf seiner Station. Neue Medikamente und zielgerichtete Therapien ermöglichen heute bei manchen Patient*innen Verläufe, die früher kaum denkbar waren. Entscheidend bleibt für ihn aber nicht allein, wie viele Tage oder Monate eine Behandlung zusätzlich ermöglicht. Es geht auch darum, wie diese Zeit gelebt werden kann. Genau darin unterscheidet sich die fachliche Perspektive dieser Podcast-Folge von einem reinen Überblick über Medikamente und Diagnostik. Matthias Ehrhardt spricht über die Menschen hinter den Therapien: über Ängste, Nebenwirkungen, Entscheidungen, Atemnot und die Frage, wie Versorgung aussehen kann, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Und er zeigt, warum onkologische Fachpflege ein wichtiger Teil moderner Lungenkrebsmedizin ist. Video zur Podcast-Folge mit Matthias Ehrhardt.
Zwei Podcast-Folgen, zwei Perspektiven auf Lungenkrebs und COPD
In „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ wird ein Thema aus zwei miteinander verbundenen Perspektiven erzählt.
Bernd Oertwig berichtet als Betroffener davon, wie Lungenkrebs, eine Operation und COPD Stadium 4 seinen Alltag verändert haben.
Matthias Ehrhardt zeigt als Fachpfleger für Onkologie, was Menschen mit Lungenkrebs und COPD während ihrer Behandlung brauchen, wie Nebenwirkungen erkannt werden und warum gute Pflege weit über Medikamente und Körperpflege hinausgeht.
Spezialisierte Lungenmedizin und Pflege in Berlin
Lungenkrebszentrum der Evangelischen Lungenklinik
Klinik für Pneumologie der Evangelischen Lungenklinik
Pflegedienst der Evangelischen Lungenklinik
Die Charité und die Evangelische Lungenklinik bündeln ihre Kompetenzen seit September 2026 im Deutschen Lungenzentrum Charité-ELK.
Weitere Informationen zur Kooperation
Über „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“
„Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ ist ein Audio- und Videopodcast der Johannesstift Diakonie. Jedes Thema wird aus zwei miteinander verbundenen Perspektiven erzählt: Zunächst berichtet ein betroffener Mensch von den eigenen Erfahrungen. In einer weiteren Podcast-Folge ordnet eine Fachperson aus Medizin, Pflege oder Therapie das Thema fachlich und menschlich ein.
Herausgeber *in:Johannesstift Diakonie
Moderatorin:Martina Conradt
Format: Audio- und Videopodcast
Podcast-Webseite:http://www.jsd.de/podcast-warum-ich
Über die Johannesstift Diakonie
Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:
- Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
- Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
- Wohnen und Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen
- Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
- Arbeit, Beschäftigung und Soziales
- Ausbildung in der Gesundheits- und Sozialberufen
- Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen

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