Adipositas ist keine Frage fehlender Disziplin. Doch wann wird Übergewicht zu einer Erkrankung? Ab welchem BMI kann eine Operation infrage kommen? Und was ist der Unterschied zwischen Magenbypass und Schlauchmagen? Dr. med. Peer Joensson vom Adipositaszentrum des Martin Luther Krankenhauses in Berlin erklärt, was Menschen wissen sollten, die über eine operative Behandlung nachdenken oder sich zunächst beraten lassen möchten.
Viele Menschen mit Adipositas kennen den Satz: „Du musst einfach weniger essen und dich mehr bewegen.“ Für Betroffene kann das frustrierend sein. Sie haben häufig bereits Diäten ausprobiert, ihre Ernährung umgestellt und versucht, mehr Bewegung in ihren Alltag zu bringen. Trotzdem nimmt das Gewicht nicht dauerhaft ab. Im Gegenteil: viele Diäten führen zu dem sogenannten “Jo-Jo-Effekt”: Man verliert mit viel Quälerei, beispielsweise, zehn Kilo ab und nimmt anschließend 15 Kilo wieder zu.
Für Dr. med. Peer Joensson, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie am Martin Luther Krankenhaus in Berlin, greift die Vorstellung mangelnder Disziplin deshalb zu kurz. Adipositas ist viel mehr eine chronische Erkrankung.
In der neuen Folge von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ spricht er mit Moderatorin Martina Conradt darüber, warum der Körper sein Gewicht “verteidigt", wann eine operative Behandlung infrage kommt, wie sich Magenbypass und Schlauchmagen unterscheiden und warum eine Magenverkleinerung weit mehr verändert als nur die Größe des Magens.
Informationen zum Adipositaszentrum im Martin Luther Krankenhaus:
Video zur Podcast-Folge:
Häufig gestellte Fragen
Einordnung anhand des Body-Mass-Index, kurz BMI. Ab einem BMI von 30 spricht man von Adipositas. Je höher der BMI, desto größer kann auch das Risiko für Folgeerkrankungen werden. Dazu können beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes oder Gelenkbeschwerden gehören. Wer den eigenen BMI berechnen und einordnen möchte, findet auf der Webseite des Adipositaszentrums im Martin Luther Krankenhaus einen BMI-Rechner:
Link zum Adipositaszentrums im Martin Luther Krankenhaus
Für Betroffene ist dabei ein Punkt besonders wichtig: Adipositas ist nicht einfach die Folge davon, zu viel zu essen oder sich zu wenig zu bewegen.
Dr. Joensson beschreibt im Podcast, dass körpereigene Regulationsmechanismen versuchen können, ein erhöhtes Gewicht zu erhalten. Viele Menschen mit Adipositas hätten deshalb schon mehrfach Gewicht verloren, aber anschließend wieder zugenommen. „Niemand nimmt so viel ab wie übergewichtige Menschen“, beschreibt er seine Erfahrungen aus der Behandlung. Viele seiner Patient*innen kennen sich mit Ernährung und Diäten sehr gut aus. Das Problem sei häufig nicht das kurzfristige Abnehmen, sondern die dauerhafte Gewichtsregulation.
Für eine erste Beratung muss noch keine Entscheidung für eine Operation gefallen sein. Menschen können sich auch dann an ein Adipositaszentrum wenden, wenn sie zunächst wissen möchten, welche Behandlungsmöglichkeiten für sie grundsätzlich bestehen. Dr. Joensson empfiehlt, sich Unterstützung zu suchen, wenn Betroffene merken, dass sie allein nicht weiterkommen. In der Adipositassprechstunde werde zunächst ausführlich besprochen, welche Behandlungen bereits ausprobiert wurden, welche gesundheitlichen Probleme bestehen und welche Wünsche die Patient*innen selbst haben. Manche kommen bereits mit dem konkreten Wunsch nach einer Operation. Andere möchten zunächst wissen: Was kann ich überhaupt tun?
Informationen und Kontakt zum Adipositaszentrum im Martin Luther Krankenhaus:
Als Orientierung gilt für die operative Behandlung ein BMI ab 40 auch ohne Begleiterkrankungen. Ab einem BMI von 35 können Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für eine Operation spielen. Ob eine Operation tatsächlich sinnvoll ist, wird jedoch individuell beurteilt. Ein niedrigerer BMI bedeutet deshalb nicht, dass eine Beratung keinen Sinn hat. Im Adipositaszentrum werden auch Menschen beraten, bei denen zunächst konservative oder medikamentöse Behandlungen infrage kommen.
Eine Adipositas-Operation beginnt nicht mit dem Termin im Operationssaal. Im Martin Luther Krankenhaus werden Patient*innen über mehrere Monate vorbereitet. Dazu gehören Ernährungsberatung, Bewegung, eine psychologische beziehungsweise psychotherapeutische Begutachtung sowie medizinische Untersuchungen. Dabei geht es nicht darum, Betroffene vor einer Operation auf die Probe zu stellen. Die Vorbereitung soll ihnen vermitteln, wie sehr sich Ernährung und Alltag nach dem Eingriff verändern. Auch mögliche andere Ursachen einer Gewichtszunahme müssen berücksichtigt werden. Dr. Joensson berichtet, dass eine strukturierte Vorbereitung zudem dazu beitragen kann, nach der Operation bessere und stabilere Ergebnisse zu erreichen. Zur Begleitung gehört im Adipositaszentrum auch ein Fallmanagement, das die unterschiedlichen Untersuchungen und Termine koordiniert.
Für eine operative Adipositasbehandlung müssen Voraussetzungen erfüllt und entsprechende Unterlagen zusammengestellt werden. Dazu gehört in vielen Fällen der Nachweis einer multimodalen Vorbereitung mit Ernährungsberatung, Bewegung und psychologischer Begutachtung. Die konkrete Situation kann sich je nach Einzelfall unterscheiden. Deshalb gehört auch die Frage der Kostenübernahme in die Beratung eines spezialisierten Zentrums.
Informationen zum Behandlungsweg im Adipositaszentrum:
Zu den etablierten Verfahren der Adipositaschirurgie gehören Magenbypass und Schlauchmagen. Beim Magenbypass wird ein kleiner Vormagen gebildet und mit einer Dünndarmschlinge verbunden. Die Nahrung passiert damit nicht mehr den gesamten ursprünglichen Magen. Beim Schlauchmagen wird ein großer Teil des Magens entfernt und aus dem verbleibenden Magen ein schmaler Schlauch geformt. Welche Methode für einen Menschen infrage kommt, sollte bereits vor der Operation ausführlich besprochen werden. Unterschiedliche Verfahren haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. So können Begleiterkrankungen die Entscheidung beeinflussen. Bei chronischem Sodbrennen beziehungsweise einer Refluxerkrankung kann ein Schlauchmagen ungünstig sein. Bei Diabetes könnte wiederum ein Magenbypass Vorteile haben. Die passende Operationsmethode wird deshalb individuell gewählt.
Der Begriff „Magenverkleinerung“ vermittelt schnell den Eindruck, die Wirkung bestehe ausschließlich darin, dass weniger Nahrung in den Magen passt. Das nur ein Teil des Effekts. Nach der Operation verändern sich auch hormonelle Prozesse im Körper. Hormone und Botenstoffe des Magen-Darm-Traktes beeinflussen unter anderem Hunger, Sättigung sowie Fett- und Zuckerstoffwechsel. Diese Veränderungen können bereits sehr früh nach dem Eingriff auftreten.
Moderne Medikamente zur Gewichtsreduktion haben die Behandlung von Adipositas verändert. Nicht alle Patient*innen reagieren gleich gut auf die Medikamente. Manche erleben relevante Nebenwirkungen. Zudem stellt sich bei einer chronischen Erkrankung die Frage nach einer langfristigen Behandlung. Eine pauschale Entscheidung zwischen Abnehmspritze und Operation gibt es deshalb nicht. Je nach BMI, Begleiterkrankungen, bisherigen Behandlungsversuchen und persönlicher Situation können unterschiedliche Wege infrage kommen.
Diese Frage gehört zu den am meisten gestellten vor einer Entscheidung für oder gegen eine Operation. Dr. Joensson erklärt, dass der Gewichtsverlust stark vom Ausgangsgewicht abhängt. Nach seiner Erfahrung kann durch eine operative Behandlung etwa ein Viertel bis teilweise ein Drittel des Gesamtkörpergewichts verloren werden. Bei einem Ausgangsgewicht von 150 Kilogramm könne das beispielsweise einen Gewichtsverlust im Bereich von rund 30 bis 50 Kilogramm bedeuten. Ein konkreter Gewichtsverlust lässt sich jedoch nicht für jede einzelne Person vorhersagen.
Auch eine Magenverkleinerung ist eine Operation und damit nicht frei von Risiken. Dr. Joensson beziffert das allgemeine Komplikationsrisiko auf unter fünf Prozent. Gleichzeitig betont er, dass mögliche Komplikationen ernst sein können. Zu den gefürchteten Problemen gehören Undichtigkeiten an Verbindungs- oder Nahtstellen von Magen und Darm. Gerade deshalb empfiehlt er, Adipositasoperationen in spezialisierten Häusern durchführen zu lassen, die solche Eingriffe regelmäßig vornehmen und mögliche Komplikationen schnell erkennen und behandeln können. Die Eingriffe erfolgen heute in der Regel minimalinvasiv über kleine Zugänge durch die Bauchdecke.
Der Alltag verändert sich unmittelbar nach dem Eingriff. Am Operationstag beginnen Patient*innen zunächst mit kleinen Mengen Wasser oder Tee. Anschließend wird die Ernährung schrittweise aufgebaut.Zunächst stehen flüssige und pürierte Speisen im Mittelpunkt, bevor langsam wieder festere Nahrung hinzukommt. Damit beginnt eine langfristige Umstellung. Auch deshalb sind Ernährungsberatung und Vorbereitung so wichtig. Eine Operation verändert zwar Hunger, Sättigung und die möglichen Portionsgrößen, sie löscht aber erlernte Verhaltensweisen nicht automatisch. Essen kann schließlich nicht nur Hunger stillen. Es kann auch mit Belohnung, Langeweile oder Frust verbunden sein.
Aus diesem Grund gehört vor einer Operation auch eine psychologische Einschätzung zum Behandlungskonzept.
Ja. Auch nach einer erfolgreichen Operation kann das Gewicht wieder steigen. Dr. Joensson beschreibt unterschiedliche mögliche Gründe. Bei manchen Menschen wirken die hormonellen Veränderungen weniger stark. Bei anderen verändern sich Ernährungsgewohnheiten wieder. Außerdem können auch anatomische beziehungsweise strukturelle Veränderungen eine Rolle spielen. Entscheidend ist deshalb zunächst herauszufinden, warum das Gewicht wieder steigt. Je nach Ursache können erneute Ernährungsberatung, Medikamente zur Gewichtsreduktion oder in ausgewählten Fällen weitere operative Maßnahmen infrage kommen. Patient*innen sollen mit dieser Situation nicht allein bleiben.
Ja! Das Ziel der Adipositaschirurgie ist ausdrücklich nicht, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Im Mittelpunkt stehen Gesundheit und Lebensqualität. Durch eine deutliche Gewichtsreduktion können sich Begleiterkrankungen verändern. Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes. Bei Menschen mit Diabetes kann sich der Stoffwechsel teilweise bereits sehr früh nach einer Operation verbessern. Erfolgreiche Adipositasoperationen haben dadurch einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung.
Gleichzeitig verändert eine starke Gewichtsabnahme den Körper sichtbar. Überschüssige Haut kann zurückbleiben. Ob daraus ein medizinisches oder kosmetisches Problem entsteht, ist individuell unterschiedlich.
Informationen zu plastisch-rekonstruktiven Behandlungsmöglichkeiten nach starker Gewichtsabnahme:
Link zu den plastisch-rekonstruktiven Behandlungsmöglichkeiten
Je nach Operationsmethode können Eingriffe technisch teilweise verändert oder zurückgebaut werden. In der Praxis ist dies jedoch sehr selten sinnvoll und nur in besonderen Situationen notwendig. Eine Adipositas-Operation sollte deshalb als langfristige Entscheidung verstanden werden. Der Grund: Die Operation behandelt eine chronische Erkrankung. Wird ihre Wirkung wieder aufgehoben, kann auch das Gewicht zurückkehren.
Adipositasoperationen sind technisch anspruchsvoll. Entscheidend ist nicht nur, dass eine Operation durchgeführt werden kann. Ein spezialisiertes Zentrum sollte Patient*innen bereits vor dem Eingriff beraten und vorbereiten, unterschiedliche Fachbereiche einbinden und auch nach der Operation langfristig ansprechbar bleiben. Besonders wichtig ist außerdem die Erfahrung im Umgang mit möglichen Komplikationen. Wer zunächst noch unsicher ist, muss sich nicht bereits für eine Operation entschieden haben. Eine Erstberatung kann gerade dazu dienen, die eigenen Möglichkeiten kennenzulernen und herauszufinden, welcher Behandlungsweg infrage kommt.
Weitere Informationen und Beratung in Berlin:
Zwei Perspektiven auf Adipositas und Magenbypass
In der vorherigen Folge von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ erzählt Nicole Urbschat aus ihrer Sicht als Patientin von ihrem ganz persönlichen Weg.
Nach vielen Diäten, gesundheitlichen Einschränkungen und einer für sie nicht geeigneten Behandlung mit einer Abnehmspritze entschied sie sich für einen Magenbypass. Rund 50 Kilogramm Körpergewicht hat sie nach dem Eingriff innerhalb kürzester Zeit verloren . Sie beschreibt, was sich verbessert hat, welche Schwierigkeiten geblieben sind und warum die Operation allein nur ein Baustein ist. Auch das eigene Verhalten muss dauerhaft angepasst werden..
Die Geschichte von Nicole Urbschat:
Dr. med. Peer Joensson liefert nun die fachliche Perspektive dazu. Er erklärt, wann Adipositas zur Erkrankung wird, wann eine Operation für wen infrage kommen kann und warum der Weg zu einer Magenverkleinerung weit vor dem Operationssaal beginnt.
Video zur Podcast-Folge „Magenbypass oder Schlauchmagen? Was Menschen mit Adipositas wissen sollten“:
Beratung bei Adipositas in Berlin
Adipositaszentrum im Martin Luther Krankenhaus:
Adipositaszentrum der Klinik für MIC in Berlin:
Über „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“
„Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ ist ein Audio- und Videopodcast der Johannesstift Diakonie. Jedes Thema wird aus zwei miteinander verbundenen Perspektiven erzählt: Zunächst berichtet ein betroffener Mensch von den eigenen Erfahrungen. In einer weiteren Podcast-Folge ordnet eine Fachperson aus Medizin, Pflege oder Therapie das Thema fachlich und menschlich ein.
Herausgeberin: Johannesstift Diakonie
Moderatorin: Martina Conradt
Format: Audio- und Videopodcast
Veröffentlichung der Folge: 28.10.2026
Podcast-Webseite: www.jsd.de/podcast-warum-ich
Über die Johannesstift Diakonie
Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:
- Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
- Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
- Wohnen und Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen
- Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
- Arbeit, Beschäftigung und Soziales
- Ausbildung in der Gesundheits- und Sozialberufen
- Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen

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