Ein Körper, der endlich zum eigenen Leben passt: Für viele trans* Männer ist dieser Wunsch mit einem langen Weg verbunden. Dazu gehören persönliche Entscheidungen, Beratungsgespräche und je nach individuellem Behandlungsziel mehrere Operationen. In der Folge „Transgender-Chirurgie: Wie eine FTM-Operation abläuft“ von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ erklärt Dr. Sascha Bull, wie diese Eingriffe geplant werden, welche Herausforderungen entstehen und warum eine geschlechtsangleichende Operation immer Teamarbeit ist.
Dr. Sascha Bull ist stellvertretender Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie sowie Handchirurgie an der Evangelischen Elisabeth Klinik in Berlin. Sein besonderer Schwerpunkt liegt in der Transgender-Chirurgie.
Die Folge knüpft an das persönliche Gespräch mit Micha an. In der vorherigen Podcast-Folge erzählt Micha von seinem Leben als trans* Mann, von Operationen und Komplikationen sowie von dem Wunsch, sich nicht länger verkleiden zu müssen.
Jetzt YouTube-Video zur Podcast-Folge mit Micha ansehen
In der aktuellen Folge wechselt die Perspektive. Wie begleitet Medizin diesen Weg? Wie entsteht aus Haut, Fettgewebe, Blutgefäßen und Nerven ein Penoid? Welche Risiken bestehen bei der Harnröhrenkonstruktion? Und was geschieht im Operationssaal, wenn Nerven oder Blutgefäße anders verlaufen als erwartet?
Wie eine Frau-zu-Mann-Operation abläuft
Informationen zur Transgender-Chirurgie an der Evangelischen Elisabeth Klinik
Eine Frau-zu-Mann-Operation besteht aus mehreren Schritten
Eine geschlechtsangleichende Operation von Frau zu Mann ist kein einzelner Eingriff. An der Evangelischen Elisabeth Klinik umfasst der operative Weg in der Regel sieben geplante Operationsschritte. Zwischen den Eingriffen liegen mehrere Monate, damit sich der Körper erholen und das Gewebe heilen kann.
Andere Kliniken können die einzelnen Maßnahmen anders aufteilen. Das Team der Evangelischen Elisabeth Klinik arbeitet bewusst mit einem mehrstufigen Verfahren. Dadurch lässt sich die körperliche Belastung begrenzen und die Behandlung an die medizinischen Voraussetzungen und persönlichen Ziele der Patient*innen anpassen.
Zum operativen Weg können unter anderem gehören:
- Mastektomie
- Hysterektomie
- Kolpektomie
- Phalloplastik beziehungsweise Penoid-Aufbau
- Urethroplastik
- Skrotumplastik
- Glansplastik
- auf Wunsch eine Erektionsprothese
Nicht alle Patient*innen entscheiden sich für sämtliche Eingriffe. Welche Operationen infrage kommen und gewünscht sind, wird individuell besprochen.
Wie lange dauert eine geschlechtsangleichende Operation von Frau zu Mann?
Der operative Prozess dauert, nach dem an der Evangelischen Elisabeth Klinik angewandten Verfahren, etwa eineinhalb bis zwei Jahre. In diesem Zeitraum finden mehrere Eingriffe mit jeweils einigen Monaten Abstand statt.
Der persönliche Weg beginnt jedoch häufig lange vor der ersten Operation. Viele Betroffene haben sich bereits intensiv mit ihrer Geschlechtsidentität auseinandergesetzt, befinden sich in psychotherapeutischer Begleitung oder haben eine Hormonbehandlung begonnen.
Auch der Informationsstand beim ersten Beratungsgespräch ist unterschiedlich. Manche Patient*innen kennen die Operationsschritte und mögliche Risiken bereits sehr genau. Andere kommen mit Unsicherheit und vielen offenen Fragen in die Sprechstunde. Eine gute Aufklärung muss deshalb auf den einzelnen Menschen, die persönliche Situation und die individuellen Behandlungsziele eingehen.
Wie Dr. Bull solche Gespräche führt, welche Fragen Patient*innen besonders beschäftigen und wie er mit Ängsten vor den Eingriffen umgeht, ist Teil der Podcast-Folge.
Was bedeuten Mastektomie, Hysterektomie und Phalloplastik?
Medizinische Begriffe können kompliziert klingen. In der Podcast-Folge erklärt Dr. Bull die wichtigsten Schritte der geschlechtsangleichenden Chirurgie.
Mastektomie
Bei einer Mastektomie wird Brustgewebe entfernt. Im Rahmen einer geschlechtsangleichenden Operation geht es zugleich darum, einen männlich wirkenden Oberkörper zu formen.
Für viele Patient*innen ist der erste Blick auf den neuen Oberkörper ein besonderer Moment. Was diese Situation mit den Patientinnen und dem Behandlungsteam macht, beschreibt Dr. Bull in der Folge. Neben der emotionalen Reaktion bleibt die medizinische Kontrolle entscheidend: Die Wunden müssen gut heilen und das Operationsergebnis muss stabil sein.
Hysterektomie und Kolpektomie
Eine Hysterektomie ist die operative Entfernung der Gebärmutter. An der Evangelischen Elisabeth Klinik erfolgt dieser Behandlungsschritt in Zusammenarbeit mit gynäkologischen Fachabteilungen.
Als Kolpektomie wird die Entfernung der Vaginalhülle bezeichnet. Auch dieser Eingriff kann Teil einer geschlechtsangleichenden Operation von Frau zu Mann sein.
Phalloplastik und Penoid-Aufbau
Bei der Phalloplastik wird ein Penoid aufgebaut. Dafür kann Gewebe aus unterschiedlichen Körperregionen verwendet werden. An der Evangelischen Elisabeth Klinik wird häufig Gewebe vom Unterarm eingesetzt. Eine weitere Möglichkeit ist der Oberschenkel.
Das Gewebe umfasst Haut und Fettgewebe sowie Blutgefäße und Gefühlsnerven. Daraus wird das Penoid geformt. Anschließend verbinden die Chirurg*innen Blutgefäße und Nerven mikrochirurgisch mit den entsprechenden Strukturen am Körper.
Ziel sind eine zuverlässige Durchblutung und ein möglichst gutes Empfinden. Welches Spenderareal geeignet ist, hängt von den individuellen anatomischen Voraussetzungen, der gewünschten Funktion, ästhetischen Vorstellungen und der entstehenden Narbe ab.
Wie wird die Harnröhre aufgebaut?
Die Konstruktion der Harnröhre gehört zu den anspruchsvollsten Schritten einer Frau-zu-Mann-Operation. Der medizinische Begriff dafür lautet Urethroplastik.
Aus Haut wird eine neue Harnröhre gebildet und mit der vorhandenen Harnröhre verbunden. Sie kann durch das Penoid bis zu dessen Spitze geführt werden. Für viele trans* Männer ist es ein wichtiges Behandlungsziel, im Stehen Wasser lassen zu können.
Das verwendete Gewebe besitzt jedoch nicht dieselben Eigenschaften wie eine natürliche Harnröhrenschleimhaut. Deshalb können in diesem Bereich Komplikationen entstehen. Wie die Konstruktion technisch umgesetzt wird und warum dieser Operationsschritt das Team besonders fordert, erklärt Dr. Bull im Gespräch mit Moderatorin Martina Conradt.
Welche Risiken bestehen bei einer geschlechtsangleichenden Operation?
Auch bei großer chirurgischer Erfahrung lassen sich Komplikationen nicht vollständig ausschließen. In der Podcast-Folge werden insbesondere Risiken der Harnröhrenkonstruktion und des Penoid-Aufbaus angesprochen.
An der neu gebildeten Harnröhre können Fisteln entstehen. Dabei ist die Harnröhre an einer Stelle nicht vollständig dicht. Urin kann dann zusätzlich über eine andere Öffnung austreten.
Durch Narbenbildung kann sich die Harnröhre außerdem verengen. Diese Verengungen werden als Stenosen bezeichnet und können weitere Behandlungen notwendig machen.
Ein weiteres Risiko betrifft die Durchblutung des übertragenen Gewebes. Werden die mikrochirurgisch verbundenen Blutgefäße nicht ausreichend durchblutet, kann das Penoid gefährdet sein. Festgelegte Kontrollen, die Erfahrung des Teams und ein schnelles Eingreifen sollen dazu beitragen, schwere Verläufe möglichst zu vermeiden.
In der Folge spricht Dr. Bull offen darüber, wie das Team mit solchen Risiken umgeht, was Rückschläge für Patient*innen und Behandelnde bedeuten und warum auch ein sehr erfahrenes Krankenhaus keine vollständige Sicherheit versprechen kann.
Nach der Operation ist das gesamte Team gefragt
Nach den Eingriffen greifen festgelegte Kontroll- und Versorgungsabläufe. Ärzt*innen und Pflegefachkräfte beobachten, wie sich die Wunden und das übertragene Gewebe entwickeln. Dabei achten sie unter anderem auf Anzeichen, die auf Probleme mit der Durchblutung hindeuten können.
An der Behandlung sind nicht nur die operierenden Ärzt*innen beteiligt. Auch Anästhesist*innen, Mitarbeitende der Anästhesiepflege und Pflegefachkräfte auf der Station übernehmen wichtige Aufgaben. Eine erfolgreiche Behandlung ist deshalb das Ergebnis eines eingespielten Teams.
Komplexe Operationen können acht Stunden oder länger dauern. Während eines Eingriffs können zudem anatomische Besonderheiten sichtbar werden, die sich vorher nicht vollständig erkennen ließen. Dann müssen die Chirurg*innen reagieren, Alternativen abwägen und gemeinsam eine neue Lösung finden.
Welche Entscheidungen dabei innerhalb weniger Minuten getroffen werden müssen und wie Erfahrung und Improvisation im Operationssaal zusammenwirken, gehört zu den Einblicken, die die Podcast-Folge über die reine medizinische Beschreibung hinaus bietet.
Sexualität und Empfinden nach dem Penoid-Aufbau
Auch Fragen zu Körpergefühl, Sensibilität und Sexualität spricht Moderatorin Martina Conradt in der Podcast-Folge an. Bei der Operation bleibt ein Nervengeflecht der Klitoris unangetastet. Ein weiterer Gefühlsnerv kann mikrochirurgisch mit einem Nerv des übertragenen Gewebes verbunden werden. Dadurch sollen Sensibilität und Lustempfinden erhalten beziehungsweise auf das Penoid übertragen werden.
Eine Erektionsprothese kann in einem späteren Operationsschritt eingesetzt werden, damit sich das Penoid versteifen lässt. Dieser Eingriff ist kein verpflichtender Bestandteil der Behandlung. Ob Patient*innen ihn wünschen, entscheiden sie individuell.
Wie Dr. Bull über Funktion, Körpergefühl, persönliche Wünsche und die Grenzen chirurgischer Möglichkeiten spricht, lässt sich im vollständigen Gespräch hören und sehen.
Beratung zur geschlechtsangleichenden Chirurgie
Menschen, die sich über eine geschlechtsangleichende Operation informieren möchten, können einen Termin in der Sprechstunde der Evangelischen Elisabeth Klinik vereinbaren. In einem Beratungsgespräch lassen sich mögliche Operationsschritte, die individuelle Behandlungsplanung, notwendige Unterlagen und Fragen zur Kostenübernahme besprechen.
Zentrum Transgender-Chirurgie der Evangelischen Elisabeth Klinik:
Link zum Zentrum Transgender-Chirurgie der Evangelischen Elisabeth Klinik
Weitere Informationen zu geschlechtsangleichenden Operationen´
Mehr zum Thema Transgender-Chirurgie
Instagram-Profil der Transgender-Chirurgie an der Evangelischen Elisabeth Klinik:
Über „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“
„Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ ist ein Audio- und Videopodcast der Johannesstift Diakonie. Jedes Thema wird aus zwei miteinander verbundenen Perspektiven erzählt: Zunächst berichtet ein betroffener Mensch von den eigenen Erfahrungen. In einer weiteren Podcast-Folge ordnet eine Fachperson aus Medizin, Pflege oder Therapie das Thema fachlich und menschlich ein.
Herausgeberin: Johannesstift Diakonie
Moderatorin: Martina Conradt
Podcast-Webseite: johannesstift-diakonie.de/warum-ich
Über die Johannesstift Diakonie
Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:
- Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
- Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
- Wohnen und Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen
- Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
- Arbeit, Beschäftigung und Soziales
- Ausbildung in der Gesundheits- und Sozialberufen
- Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen

Facebook
Instagram
YouTube
LinkedIn
Xing