Eine Brustkrebsdiagnose löst bei vielen Patientinnen zunächst vor allem eines aus: Angst. Was bedeutet der Befund? Wie geht es weiter? Brauche ich eine Chemotherapie? Und kann ich wieder gesund werden?
In der Podcast-Folge „Brustkrebs verstehen, Heilungschancen, Früherkennung und Therapie“ von „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ beantwortet Dr. Ursula Makowiec diese Fragen aus medizinischer Sicht. Die Leitende Ärztin des Brustzentrums am Martin Luther Krankenhaus macht dabei vor allem eines deutlich: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs, und die Behandlung wird heute individuell auf die Patient*innen und die Eigenschaften des Tumors abgestimmt.
Video zur Podcast-Folge:
Moderatorin Martina Conradt wechselt damit die Perspektive. In der vorherigen Podcast-Folge hat Vanessa Köllner von zwei Brustkrebserkrankungen, einer BRCA1-Mutation, Chemotherapie, Mastektomie und Brustaufbau erzählt. Nun geht es darum, was hinter Diagnosen und Therapieentscheidungen steckt, und warum Wissen helfen kann, der ersten Angst etwas entgegenzusetzen.
Link zur Podcast-Folge mit Vanessa
Mehr Informationen zum Brustzentrum im Martin Luther Krankenhaus
Wer die Diagnose Brustkrebs erhält, kann im ersten Gespräch häufig nur einen Teil der Informationen aufnehmen. Dr. Makowiec erlebt das täglich. Sie empfiehlt deshalb, zu wichtigen Gesprächen eine vertraute Person mitzubringen, Fragen aufzuschreiben und nicht davon auszugehen, dass nach einem einzigen Termin bereits alles verstanden und entschieden sein muss.
Im Brustzentrum gehören mehrere Gespräche zum Prozess. Auch Breast Care Nurses und weitere Mitarbeiter*innen können Fragen aufnehmen und Patientinnen begleiten.
Für Dr. Makowiec beginnt gute Behandlung mit Zuhören. Ein wichtiges Prinzip ist dabei das sogenannte Shared Decision Making: Medizinische Entscheidungen werden nicht einfach über den Kopf der Patient*innen hinweg getroffen. Ärzt*innen erläutern Möglichkeiten, Nutzen und Risiken – gleichzeitig spielen die persönlichen Wünsche, Ängste und Lebensumstände der Patient*innen eine wichtige Rolle.
Gerade Aussagen wie „Ich möchte keine Chemotherapie“ sind für Dr. Makowiec deshalb zunächst Anlass, genauer zuzuhören: Welche Befürchtung steckt dahinter? Welche Behandlung ist medizinisch überhaupt notwendig? Und welchen konkreten Vorteil kann sie der einzelnen Patient*in bringen?
Eine der wichtigsten Botschaften lautet: Brustkrebs ist heute in vielen Fällen gut heilbar.
Dr. Makowiec nennt im Gespräch eine Heilungsrate von 80 bis 85 Prozent aller Patient*innen mit Brustkrebs. Gleichzeitig warnt sie vor pauschalen Aussagen. Die individuelle Prognose hängt wesentlich davon ab, welche Art von Brustkrebs vorliegt.
Denn Brustkrebs ist nicht eine einzige Erkrankung. Unterschiedliche Tumoren haben unterschiedliche biologische Eigenschaften, reagieren unterschiedlich auf Medikamente und können sich auch hinsichtlich ihres Rückfallrisikos deutlich unterscheiden.
Deshalb lässt sich auch die häufig gestellte Frage „Wann bin ich nach Brustkrebs geheilt?“ nicht mit einer festen Jahreszahl beantworten. Bei manchen Tumorarten können Ärzt*innen vergleichsweise früh von einer sehr guten Prognose ausgehen. Andere Brustkrebsarten können auch viele Jahre nach der ersten Behandlung erneut auftreten.
Für die Behandlung ist die sogenannte Tumorbiologie entscheidend. Im Interview unterscheidet Dr. Makowiec mehrere große Gruppen von Brustkrebs.
Viele Brustkrebserkrankungen sind hormonempfindlich. In solchen Fällen kann beispielsweise eine Anti-Hormon-Therapie Teil der Behandlung sein. Andere Tumoren haben andere biologische Eigenschaften und benötigen deshalb ein anderes Therapiekonzept.
Auch triple-negativer Brustkrebs kommt zur Sprache. Er tritt unter anderem bei bestimmten genetischen Veränderungen häufiger auf und wird anders behandelt als hormonempfindliche Tumoren.
Genau deshalb bedeutet die Diagnose Brustkrebs nicht automatisch:
- Chemotherapie
- Mastektomie
- Oder für alle Patient*innen denselben Behandlungsplan.
Welche Therapie sinnvoll ist, hängt vom individuellen Befund ab.
Eine der größten Ängste vieler Patient*innen betrifft die Chemotherapie. Bilder von Haarausfall und starken Nebenwirkungen prägen die Vorstellung von Krebsbehandlungen bis heute.
Doch nicht jede Patient*in mit Brustkrebs benötigt eine Chemotherapie.
Im Gespräch erklärt Dr. Makowiec, dass bei jeder Therapieentscheidung abgewogen werden muss, welchen zusätzlichen Nutzen eine Behandlung für die einzelne Patient*in bringt. Je nach Tumor können Operation, Bestrahlung oder eine Anti-Hormon-Therapie ausreichen. Bei anderen Brustkrebsarten ist eine Chemotherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Das zeigt auch die Geschichte von Vanessa: Bei ihrer ersten Brustkrebserkrankung erhielt sie eine Chemotherapie, bei ihrer zweiten nicht.
Wie stark eine Behandlung belastet, lässt sich ebenfalls nicht auf sichtbare Nebenwirkungen reduzieren. Dr. Makowiec hält Fatigue – eine anhaltende Erschöpfung – für eines der großen Probleme während und nach Krebstherapien. Während Haare wieder wachsen, kann diese Erschöpfung Patient*innen über längere Zeit begleiten und ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Wenn über Brustkrebs gesprochen wird, fällt häufig das Wort Vorsorge. Dr. Makowiec unterscheidet hier bewusst.
Bei Brustkrebs geht es in erster Linie um Früherkennung: einen vorhandenen Tumor oder bestimmte Veränderungen möglichst früh zu entdecken. Eine Untersuchung verhindert also nicht automatisch, dass Brustkrebs entsteht.
Zu den Möglichkeiten der Früherkennung gehören unter anderem Mammografie und Brustultraschall. Auch das regelmäßige Kennenlernen und Abtasten der eigenen Brust kann helfen, Veränderungen wahrzunehmen.
Dr. Makowiec empfiehlt, sich mit dem normalen Gewebe der eigenen Brust vertraut zu machen. Wer weiß, wie sich die eigene Brust gewöhnlich anfühlt, kann neue Veränderungen eher bemerken. Auch Veränderungen an der Brustwarze sollten ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden.
Das Mammografie-Screening kann sehr kleine Veränderungen erkennen, die noch nicht tastbar sind. Dr. Makowiec spricht im Podcast aber auch offen über die Grenzen der Methode.
Ein Stichwort dabei lautet Überdiagnose. Gemeint sind Tumoren, die durch eine Untersuchung entdeckt werden, möglicherweise aber zu Lebzeiten der betroffenen Person nie Beschwerden verursacht hätten.
Diese Möglichkeit macht Früherkennung nicht grundsätzlich überflüssig. Sie zeigt vielmehr, warum Nutzen und mögliche Nachteile medizinischer Maßnahmen differenziert betrachtet werden müssen.
Auch hier geht es Dr. Makowiec um transparente Information statt einfacher Antworten: Was kann eine Untersuchung leisten? Welche Grenzen besitzt sie? Und welche Entscheidung passt zur persönlichen Situation?
Beim Brustultraschall vertritt sie eine klare persönliche fachliche Position. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Untersuchungsmethode und sieht darin insbesondere für jüngere Patient*innen eine wichtige Ergänzung. Ihre konkreten Empfehlungen dazu erläutert sie im Gespräch mit Moderatorin Martina Conradt.
Die vorherige Podcast-Folge mit Vanessa zeigt sehr persönlich, was eine BRCA1-Mutation für das Leben einer Patientin bedeuten kann. Dr. Makowiec ordnet das Thema nun medizinisch ein.
Genetisch bedingter Brustkrebs macht nach ihren Erläuterungen nur einen Teil aller Brustkrebserkrankungen aus. Gerade bei sehr jungen Patient*innen oder wenn mehrere Fälle von Brust- oder Eierstockkrebs innerhalb einer Familie auftreten, kann eine genetische Beratung relevant werden.
Wichtig ist Dr. Makowiec dabei ein Punkt: Eine genetische Beratung bedeutet nicht automatisch, dass sich jemand testen lassen muss. Und eine nachgewiesene genetische Veränderung bedeutet nicht automatisch, dass beide Brüste entfernt werden müssen.
Mögliche Entscheidungen können je nach individueller Situation von engmaschiger Früherkennung bis zu vorbeugenden Operationen reichen. Auch hier gilt das Prinzip gemeinsamer Entscheidungen.
Vanessas persönliche Erfahrung mit BRCA1, wiederholten Brustkrebserkrankungen und ihrem Weg zur Mastektomie ergänzt diese medizinische Perspektive.
Nein. Die Entfernung der gesamten Brust ist nach den Aussagen von Dr. Makowiec heute nur bei einem kleineren Teil der Patient*innen erforderlich.
In vielen Fällen kann brusterhaltend operiert werden. Sollte eine Mastektomie notwendig oder individuell gewünscht sein, stehen für einen späteren Brustaufbau unterschiedliche Verfahren zur Verfügung.
Dabei kann die Brust beispielsweise mit Implantaten oder mit körpereigenem Gewebe rekonstruiert werden.
Mehr Informationen zur Brustchirurgie und Brustrekonstruktion im Martin Luther Krankenhaus:
Krebsbehandlung endet nicht bei Operation oder Medikamenten. Dr. Makowiec betont im Gespräch immer wieder die Lebensqualität der Patient*innen.
Fatigue kann lange belasten. Ängste vor einem Rückfall können den Alltag auch dann bestimmen, wenn die medizinische Prognose gut ist. Psychoonkologische Unterstützung und das persönliche Umfeld können deshalb eine wichtige Rolle spielen.
Auch Komplementärmedizin wird in der Podcast-Folge thematisiert. Dr. Makowiec unterscheidet sie ausdrücklich von Alternativmedizin.
Komplementäre Verfahren werden zusätzlich zu einer medizinisch empfohlenen Krebsbehandlung eingesetzt. Alternativmedizin würde dagegen bedeuten, eine empfohlene Operation, Chemotherapie oder andere medizinische Therapie durch ein anderes Verfahren zu ersetzen.
Diese Unterscheidung ist für sie entscheidend.
Ob eine positive Lebenseinstellung die Heilungschancen tatsächlich verbessert, beantwortet sie dagegen bewusst zurückhaltend: Einen solchen Zusammenhang sieht sie wissenschaftlich nicht als belegt an. Trotzdem hält sie es für außerordentlich wichtig, dass Patient*innen nach einer Krebsdiagnose emotional wieder Stabilität und Lebensqualität gewinnen.
Am Ende des Gesprächs fragt Moderatorin Martina Conradt Dr. Makowiec, was sie einer Patientin sagen würde, die gerade erfahren hat, dass sie Brustkrebs hat.
Ihre Botschaft ist klar: nicht verzweifeln.
Brustkrebs ist heute in vielen Fällen gut behandelbar und heilbar. Gleichzeitig gibt es nicht die eine Brustkrebserkrankung und nicht die eine richtige Therapie für alle.
Mehr Informationen zum Brustzentrum im Martin Luther Krankenhaus
Über „Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“
„Warum ich? Der andere Gesundheitspodcast“ ist ein Audio- und Videopodcast der Johannesstift Diakonie. Jedes Thema wird aus zwei miteinander verbundenen Perspektiven erzählt: Zunächst berichtet ein betroffener Mensch von den eigenen Erfahrungen. In einer weiteren Podcast-Folge ordnet eine Fachperson aus Medizin, Pflege oder Therapie das Thema fachlich und menschlich ein.
Herausgeberin: Johannesstift Diakonie
Moderatorin: Martina Conradt
Format: Audio- und Videopodcast
Veröffentlichung der Folge: 02.09.2026
Podcast-Webseite: www.jsd.de/podcast-warum-ich
Über die Johannesstift Diakonie
Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:
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- Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
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