Was bedeutet es, Rechte zu haben? Und was heißt es, wenn diese Rechte ausdrücklich für Kinder gelten? Schüler*innen der Charlie-Chaplin-Grundschule im Märkischen Viertel und der Neuköllner Eduard-Mörike-Grundschule gingen dieser Frage auf den Grund. Als Kulturpilot*innen der Staffeln Melpomene und Euterpe besuchten die Viertklässler*innen den Workshop „UN-Kinderrechte, unsere Rechte!“ in der Ausstellung BERLIN GLOBAL, der Stiftung Stadtmuseum Berlin.
„Mit dem Ausflug in die Ausstellung im Humboldt Forum wollten wir das diesjährige Kulturpiloten-Thema ‘Demokratie’ für die Kinder erlebbar machen“, sagt Bernadette Kowolik, erwachsene Kulturpilotin der Staffel Melpomene. „Denn vielen Kindern ist gar nicht bewusst, dass auch sie Rechte haben.“
Demokratie beginnt im Kleinen
Dabei beginnt demokratische Mitbestimmung für die Kulturpilot*innen schon zu Beginn ihrer Kulturpiloten-Zeit: Nämlich dann, wenn es darum geht, welche Ausflüge sie in diesem Schuljahr gemeinsam unternehmen. „Es geht auch um diese kleinen Mitentscheidungsmomente“, sagt Kowolik. Der Workshop im Humboldt Forum knüpfte daran an.
Zu Beginn verteilten die Stadtmuseum-Guides, Ulrike Werner und Alessandra Battelli, Kärtchen mit zehn Kinderrechten. Die Schüler*innen lasen die Rechte vor und sprachen darüber, was sie bedeuten. Was heißt zum Beispiel das Recht auf gewaltfreie Erziehung? „Dass man Kinder nicht schlagen darf und sie auch nicht seelisch verletzen soll“, antwortete die neunjährige Celin.
Viele Kinder waren überrascht, dass Kinderrechte in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben wurden. „Mittlerweile haben 196 Staaten die Konvention unterzeichnet“, erklärte Ulrike Werner. Im Gespräch wurde auch deutlich, dass sich viele Kinder im Alltag nicht immer gehört fühlen. Gerade deshalb war die Erkenntnis wichtig: Kinder haben eigene Rechte, die sie benennen und einfordern können.
Mit diesem Vorwissen ging es durch die Ausstellung BERLIN GLOBAL. Sie zeigt auf rund 4.000 Quadratmetern, wie Berlin mit der Welt verbunden ist – historisch, politisch, kulturell und gesellschaftlich. Für die Kinder wurde daraus ein Rundgang durch Berlin, bei dem immer wieder Fragen zu Demokratie, Mitbestimmung und Kinderrechten aufkamen.
„Frieden, Frieden, Frieden!“
Auf ihrem Rundgang gingen die Kinder durch die bekannte Tresor-Tür des ehemaligen Berliner Techno-Clubs, erfuhren, dass Kinder in Berlin noch vor rund 100 Jahren arbeiten mussten, um Geld für ihre Familien zu verdienen, und hielten am sogenannten Mietengrab. Mit beschrifteten Trauerschleifen – „Wir werden dich vermieten“ und „Räumung in Frieden“ – hatte das Künstlerkollektiv Rocco 2016 in Kreuzberg auf steigende Mieten und Verdrängung aufmerksam gemacht.
An einer Station konnten die Kinder selbst ausprobieren, wie es sich anfühlt, für eigene Rechte einzutreten. Auf einem Tisch lagen Ratschen, Hupen und andere Dinge, mit denen man ordentlich Krach machen kann. Vorher einigten sich die Gruppen darauf, wofür sie eintreten wollten. Die einen riefen laut „Frieden, Frieden, Frieden!“, die anderen entschieden sich ganz pragmatisch für die Forderung: „Mehr Geld!“
Zum Abschluss gestalteten die Kinder Freundschaftsbänder aus verschiedenfarbigen Wollfäden. Jede Farbe stand für ein Kinderrecht, das sie selbst auswählten. Der zehnjährige Muhammed entschied sich für das Recht auf Gleichheit, das Recht auf Gesundheit und eine saubere Umwelt sowie für das Recht auf Spiel und Freizeit. Warum gerade diese Rechte? „Kinder müssen viel spielen, weil sie sonst unruhig werden. Ich bin nämlich auch eher hibbelig“, sagte er und lachte.
Wenn Kinder gehört werden
Für Bernadette Kowolik gehört dieser Ausflug zu einer Reihe von Kulturpiloten-Erlebnissen in diesem Jahr, bei denen Demokratie für Kinder greifbar wird. Deutlich wurde das auch bei einem Besuch einer weiteren Kulturpiloten-Staffel im Rathaus Charlottenburg-Wilmersdorf bei Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz, zuständig für Schule, Sport, Weiterbildung und Kultur. Dort erzählten Kinder von einem kaputten Spielgerät auf ihrem Schulhof, das seit Jahren nicht nutzbar war. Die Stadträtin holte den zuständigen Mitarbeiter dazu, der den Kindern erklärte, wie solche Vorgänge in der Verwaltung laufen. Nach mehreren Telefonaten konnte er schließlich zusichern, dass das Spielgerät im kommenden Schuljahr wieder funktionsfähig sein wird. Für die Kinder wurde so erfahrbar, dass Demokratie nicht nur ein Wort ist. Sie konnten erleben, dass ihre Anliegen gehört werden und dass es Wege gibt, etwas zu verändern.
Auf die Frage, was die Kinder aus dem Workshop mitnehmen sollen, antwortete Guide Ulrike Werner lachend: „Ich hoffe, dass Museum Spaß macht!“ Das war an diesem Tag spürbar: Die Kinder lernten etwas über Kinderrechte, über Berlin und über die Welt. Gleichzeitig erlebten sie, dass ein Museum ein Ort sein kann, an dem man fragt, diskutiert, ausprobiert, lacht und gemeinsam entscheidet.
Denn auch zum Schluss wurde noch einmal demokratisch abgestimmt: Zurück in die Schule und dort auf den Spielplatz? Oder zum Bebelplatz nebenan, dem Ort der Bücherverbrennung? Die Mehrheit der Kulturpilot*innen entschied sich für den Bebelplatz und einen Besuch des Mahnmals. Ein Abschluss, der bei den Kindern Eindruck machte und ihnen eine weitere eindrucksvolle Erinnerung bescherte.

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