Girlanden und Freude flattern durch die Luft
Vom Parkplatz führt der Weg vorbei an riesigen Gewächshäusern, einer alten Scheune und Feldern mit Kartoffeln und Sonnenblumen. Der Sommerwind fegt über die Wiesen und Schwalben kämpfen dagegen an. Kuchenduft weht näher und Musik ist hörbar. Und dann ist man da, am Festplatz, auf dem am 3. Juli 2026 das 100-jährige Jubiläum diakonischer Arbeit im Wohnverbund Annagarten gefeiert wird.
An vielen, mit Kräutern geschmückten Tischen sitzen die Gäste. „Ich hatte so schönen Tischschmuck besorgt, aber das wäre heute alles weggeflogen“, sagt Stefanie Nelaimischkies, Fachbereichsverantwortliche für den Annagarten, während sie das komplette Festgeschehen im Blick hat. Girlanden, Luftballons und Freude flattern in der Luft.
Ort der Echtheit und Nächstenliebe
Auf der Festbühne spricht der Oranienburger Pfarrer Friedemann Humburg: „Vor 100 Jahren wurden die Grundlagen für diese Einrichtung geschaffen. Und doch sah die Welt damals ganz anders aus.“ Er spricht von Zeiten, in denen das Leben von Menschen mit Behinderung bedroht wurde und sagt, er sei dankbar, dass sich das gewandelt hat. Pfarrer Humburg dankt besonders den Bewohner*innen: „Ihr lehrt uns Echtheit im Gefühl.“ Veränderungen würden kommen, „aber das Fundament dieses Hauses steht fest.“
Auch Pfarrerin und Stiftsvorsteherin des Evangelischen Johannesstifts, Anne Hanhörster, wurde zum Fest geweht, wie sie selbst sagt und betont den einen Wunsch, dass dieser und alle anderen Orte der Nächstenliebe vor menschenfeindlicher Politik beschützt werden können.
Sozialer Teil Oranienburgs
Im Wohnverbund Annagarten, der zu Johannesstift Diakonie Proclusio gehört, steht sozialraumorientierte Teilhabe auf Augenhöhe im Zentrum. Die Bewohner*innen gestalten Sportfeste, das Leben in der Stadt, der Kirchengemeinde, in Vereinen oder der Nachbarschaft aktiv mit. Oder wie es Oranienburgs Bürgermeisterin Jennifer Collin-Feeder in ihrer Rede betonte: „Der Annagarten gehört seit 100 Jahren zur sozialen Infrastruktur der Stadt.“
Wechselhafte Geschichte von 1926 bis 2026
Die Geschichte des Annagartens ist wechselhaft. Das sogenannte Haupthaus des Annagartens wurde einst von dem Großindustriellen Beer für seinen Frau Anna errichtet und 1926 vom Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband erworben. Seit dem 1. Juli 1926 prägten Diakonissen den Ort: als Hauswirtschaftsheim, als Zuflucht im Zweiten Weltkrieg, als Kinder-und Mädchenheim und schließlich als Wohnort für Frauen mit Behinderungen in der DDR. Trotz staatlicher Einschränkungen blieb der Annagarten ein Schutzraum und ein Ort gelebter Menschlichkeit, Verlässlichkeit und des Glaubens.
1993 übernahm das Evangelische Johannesstift die Trägerschaft. Heute gehört der Wohnverbund Annagarten zur Johannesstift Diakonie, nach wie vor in tiefer Verbundenheit zu den Diakonissinnen, die 2003 den Annagarten verließen. 54 Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leben derzeit im Annagarten. Darüber hinaus begleitet das Team 17 Menschen in Wohnungen des Oranienburger Stadtnetzes.
Biografien und Geschichte der Eingliederungshilfe
Dargelegt ist all das auch in der zum zehnjährigen Jubiläum entstandenen Wanderausstellung „Die Frauen vom Annagarten“. Herzstück sind darin die Interviews mit Frauen, die schon seit Jahrzehnten im Annagarten leben: In aller Ruhe und umgeben von der Natur des Annagarten berührt ihre Präsenz in den Filmaufnahmen. Sie sprechen vom Glauben an Gott, erinnern sich an schöne Momente wie Geburtstage, aber auch an schwere Arbeit, Stille und Fluchtversuche. Viele kamen in ihrer Jugend in den 1950er oder 1960er Jahren und haben noch vor Augen, wie ihre Eltern sie hier abgaben. Einige zogen in den 1990ern in eine Wohngemeinschaft in der Stadt, andere blieben. „Jetzt haben wir es besser“. Ob es Wünsche gibt? „Kaffeetrinken fahren ist doch ein Wunsch“, „dass ich mal wieder zu meiner Schwester kann“, „dass ich lebe“.
Das Team des Annagartens ist aktuell auf der Suche nach Orten und Einrichtungen, an denen die Ausstellung gezeigt werden kann. Interesse? - Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an stefanie.nelaimischkies(at)jsd.de
NEU: Fotobuch „Die Menschen vom Annagarten“
Weitergeführt wird dieser dokumentarische Blick nun mit dem 2026 produzierten Foto-Buch „Die Menschen vom Annagarten“. Es enthält beeindruckende Porträts von den Menschen und dem Ort, aufgenommen von Andreas Domma. Die Texte hat Stefanie Nelaimischkies verfasst.
So viel steht fest: Wer einmal in die Historie und das Heute des Ortes eingestiegen ist, möchte mehr erfahren.
Escher-Lorenz: Annagarten braucht besser Anbindung
„Eine inklusive Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie sie über Inklusion spricht, sondern daran, ob sie sie ermöglicht“, sagte Dr. Anne-Katrin Escher-Lorenz, Vorständin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO) in ihrer Festrede. Der Annagarten sei ein Beispiel für gelebte Inklusion. Und doch fehle ihr etwas, so Escher-Lorenz: Die bessere Anbindung des Annagartens, der abseits der Stadt liege, durch öffentliche Verkehrsmittel. Alle Beteiligten müssten sich dafür einsetzen.
Drei Festtage mit Jubiläumszug durch Oranienburg
Anlässlich des Jubiläums gab es neben dem Fest am 3. Juli zwei weitere Veranstaltungen: Am 1. Juli ging es für Bewohnende und Mitarbeitende mit geschmückten Kremsern, einem historischen Traktor und Bussen auf Jubiläumsfahrt und zum Empfang mit Bürgermeisterin Jennifer Collin-Feeder auf dem Schlossplatz. Am 2. Juli besuchten Unterstützer*innen den Annagarten. Ein Höhepunkt war auch die Zertifizierung des Wohnverbunds beim Fest: Der Annagarten ist jetzt offiziell die erste nach Kneipp zertifizierte Einrichtung der Eingliederungshilfe Deutschlands.
Gegen das Vergessen – für Wertschätzung und Liebe
Stefanie Nelaimischkies fasste zusammen, worum es an den drei Festtagen ging: „Es ist mehr als ein Jubiläum. Es ist ein Anlass des Innehaltens in der Dankbarkeit und der Annahme der Verantwortung für unsere Vergangenheit und Zukunft.“
Sylke Hölscher, Geschäftsführerin der Johannesstift Diakonie Proclusio, ergänzte in ihrer Festrede: „Wir erinnern in Demut und Achtung an die Menschen, die hier lebten und arbeiteten… an jene, deren Stimme lange ungehört blieb… ‚Gegen das Vergessen…‘ ist uns Verpflichtung und Auftrag. Zugleich richten wir unseren Blick auch in die Zukunft. Gemeinsam wollen wir weiterhin alles dafür tun, eine Gesellschaft mitzugestalten, die niemanden ausgrenzt, in der jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Beeinträchtigung oder Lebensweg mit Achtung, Wertschätzung und in Liebe angenommen ist.“
Über die Johannesstift Diakonie
Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 11.740 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:
- Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
- Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
- Wohnen und Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen
- Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
- Arbeit, Beschäftigung und Soziales
- Ausbildung in der Gesundheits- und Sozialberufen
- Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen










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