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Wenn Lesen Mut macht

Ein Leseabenteuer über Mobbing und Superkräfte

Kinder sitzen im Kreis und lauschen der Vorleserin

Neulich Abend wurde die „Gerüchteküche“, die ehemalige Wäscherei des Evangelischen Johannesstifts, zu einem besonderen Ort für Fantasie, Gespräche und gemeinsame Erfahrungen. Die Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ hatte die Klasse 6b der Gottfried-Röhl-Grundschule aus dem Wedding zu einem Leseabenteuer eingeladen.

Auf dem Plan standen eine Übernachtung, ein Frühstück und eine Geschichte, die die Kinder nicht nur fesselte, sondern auch direkt berührte. Grundlage für das abendliche Leseabenteuer war das schwedische Kinderbuch „Handbuch für Superhelden“, in dem die neunjährige Lisa an ihrer neuen Schule gemobbt wird und in einem geheimnisvollen Buch entdeckt, wie man Superkräfte trainiert.

Die Geschichte führte unmittelbar hinein in ein Thema, das viele Kinder kennen – direkt oder indirekt: Ausgrenzung, Hänseleien, körperliche Übergriffe, das Gefühl, allein zu sein. Lisa wird wegen ihrer abstehenden Ohren von einer Jungenbande verspottet und verfolgt. Doch eines Tages findet sie in einer Bibliothek ein leuchtendes Buch: das „Handbuch für Superhelden“. Darin stehen 101 Superkräfte – und Lisa beginnt zu trainieren. Aus dem gemobbten Mädchen wird nach und nach die Superheldin mit der roten Maske.

Was Lisa erlebt, kennen manche Kinder selbst

Nach der Lesung blieb die Geschichte nicht einfach im Raum stehen. In kleinen Gruppen sprachen die Schüler*innen darüber, was Mobbing bedeutet, wie es sich anfühlt und was man dagegen tun kann. Anschließend stellten sie ihre Ergebnisse in der großen Runde vor. Dabei wurde schnell deutlich: Mobbing ist für die Kinder kein abstraktes Thema. „Ich wurde im Kindergarten gemobbt, weil ich nicht so gut Deutsch sprechen konnte“, erinnerte sich eine Schülerin. Sie erzählte, wie schwer es damals gewesen sei, sich verständlich zu machen und Hilfe zu finden.

Auch die anderen Kinder formulierten klare Gedanken. Der elfjährige Tyler brachte es auf den Punkt: „Man darf Mobbing nicht ignorieren.“ Die zwölfjährige Razan stimmte ihm zu und ergänzte: „Ich finde, man sollte Mobbern erklären, wie es sich anfühlt, wenn man gemobbt wird.“ Gemeinsam sammelten die Schüler*innen weitere Ideen: mit Freundinnen sprechen, Lehrkräfte informieren, Eltern einbeziehen, Abstand halten, wenn Situationen gefährlich werden – und vor allem nicht allein bleiben.

Kinderbuch mit dem Titel: „Handbuch für Superhelden“
Vorleserin liest Kindern aus einem Buch vor
Kinder sitzen im Kreis und lauschen der Vorleserin

Vertrauen ist manchmal die wichtigste Superkraft

Ein Gedanke zog sich durch alle Beiträge: Wer Mobbing erlebt oder beobachtet, sollte sich an Erwachsene wenden, denen er oder sie vertraut. Denn Schweigen macht die Situation oft schlimmer. Die Kinder waren sich einig, dass es Mut braucht, über solche Erfahrungen zu sprechen – aber auch, dass genau darin ein erster Schritt liegen kann, um Hilfe zu bekommen.

Lehrerin Lisa-Marie Thiel kennt solche Situationen aus dem Schulalltag. Besonders bei Jungen beobachtet sie immer wieder Rituale, die angeblich „nur Spaß“ sein sollen – etwa Nackenklatschen oder Backpfeifen. „Da schaue ich dann genau hin, weil die Spaßgrenze schnell erreicht ist und solche Situationen schnell kippen können“, sagte sie. Wichtig sei, Probleme ernst zu nehmen, zuzuhören und den Kindern zu vermitteln, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind.

Das Leseabenteuer endete nicht mit der Diskussion. Nach einer gemeinsamen Übernachtung auf dem Stiftsgelände und einem leckeren Frühstück ging es am nächsten Morgen weiter: Die Vorleser*innen trugen das Ende der Geschichte vor. Wie Lisa ihr Abenteuer besteht, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Die Kinder erlebten, dass Superkräfte nicht unbedingt bedeuten, fliegen oder kämpfen zu können. Manchmal beginnt eine Superkraft damit, die eigene Angst zu überwinden, anderen zuzuhören – und Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.

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Über die Johannesstift Diakonie

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