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Wie der arme Jüngling den Khan bezwang und wie „Erzählen beflügelt“ die Kinder beschenkt

So wie der Sohn armer Kaufleute auf Wanderschaft geht, um Lesen und Schreiben zu lernen, ziehen die Erzählerinnen und Erzähler des Projektes „Erzählen beflügelt“ aus, um Kindern den Zauber des Geschichtenerzählens zu eröffnen.

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Ihre Reiseziele sind hauptsächlich die ersten, zweiten Regel- und die Willkommensklassen der Grundschule am Birkenhain in Spandau sowie der Mariendorfer Rudolf-Hildebrand-Grundschule. „Erzählen beflügelt“ ist ein Projekt von Erzählkunst e.V. und der gemeinsamen Kampagne „Kinder beflügeln“ der Johannesstift Diakonie und des Evangelischen Johannesstifts. „Kinder beflügeln“ hilft überall dort, wo staatliche Mittel nicht oder nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen. Sie schafft besondere Bildungserlebnisse für Kinder, die aufgrund ihrer sozialen Benachteiligung Bildungschancen ansonsten nicht nutzen könnten.

Von einer Pandemie wie Corona hat der Junge nicht zu berichten, als er von seiner ersten Reise zurückkehrt. Aber Lesen und Schreiben hat er gelernt. Doch weil seine Eltern nicht verstehen, wofür das gut sein soll, kratzten sie erneut Geld zusammen und schickten ihn noch einmal los, damit er etwas Sinnvolles lernt.

Rituale, Musik und Körpersprache – auch in Zeiten von Corona

Sven Tjaben, einer von vier Erzählern im Team der Grundschule am Birkenhain, trägt die Geschichte mit viel Herzblut vor und weiß stets, die Kinder einzubeziehen. Zu Beginn öffnen alle gemeinsam, die Arme ausbreitend, das große Tor in die Märchenwelt. Dann geht es auf die gemeinsame Reise mit dem armen Jüngling. Während Tjaben erzählt, spielt er immer wieder auf einer Mandoline und bindet die Kinder mit begleitenden Bewegungen ein. So sind sie auch körperlich dabei, wenn der Junge nun auch noch das Musizieren und auf seiner dritten Reise das Schachspielen erlernt.

In Zeiten von Corona ist die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Erzählprojektes klein. Wo sonst bis zu 28 Kinder sitzen, sind es jetzt maximal neun aus den Willkommensklassen und der Notbetreuung. Außerdem sind normalerweise auch immer dieselben Kinder in einer Gruppe, was eine kontinuierliche Arbeit fördert. Die Kinder malen in einem Buch Bilder zu den Geschichten. Die können sie in der Klasse oder zu Hause zeigen, halten die Geschichten auf diese Weise präsent und sind am Ende des Schulhalbjahres bestenfalls in der Lage, sie nachzuerzählen.

Eine dramatische Wende

Die Eltern des armen Jünglings verstehen selbstverständlich auch nicht, wofür es gut ist, musizieren oder Schach spielen zu können. Doch bald nimmt die Geschichte eine dramatische Wende. Nun sollen die Eltern auch noch Steuern zahlen und haben doch ihr gesamtes Vermögen in die vermeintlich nutzlose Ausbildung ihres Jungen gesteckt. Den Soldaten, die sie abführen wollen, bietet der Junge an, ihn statt ihrer zu verhaften. Und so wird tatsächlich der Junge abgeführt. In den Taschen der Soldaten: ein Befehl, der ihnen Belohnung verspricht, wenn sie den säumigen Schuldner einkerkern lassen.

Die Soldaten kehren auf dem Weg zu ihrem König auf einer Hochzeitsfeier ein und binden den Jungen draußen fest. Dort singt er vor sich hin, bis die Braut, von seinem Gesang betört, darauf besteht, dass er für die Hochzeitsgesellschaft singt. So bekommt der Junge die Gelegenheit, den betrunkenen Soldaten den Befehl zu stibitzen. Er zerreißt ihn und schreibt ihn um. Zwei seiner erlernten Fähigkeiten konnte er also bereits nutzen.

Sprachförderung, Bewältigung und Kreativität

So wie die Eltern in der Geschichte auf die Frage nach Sinn und Zweck von Lesen, Schreiben, Musik und auch Schach am Ende eine Antwort erhalten, hat auch Sven Tjaben Erklärungen für den Sinn des Erzählprojektes. „Selbstverständlich steht die Sprachförderung im Vordergrund und das nicht nur bei den Willkommensklassen.“ Die Kinder üben bei diesem Projekt die freie Rede und sind darüber hinaus darin gestärkt, eigene Konflikte und Traumata zu verarbeiten. „Sie identifizieren sich mit der Hauptfigur, gruseln sich mit und sind dann umso erleichterter, wenn alles gut ausgeht. Das stärkt die Kinder und hilft ihnen, mit Gewalt umzugehen und den Mut zu behalten.“

Sven Tjaben erinnert sich an einen Jungen aus Eritrea, der als Achtjähriger allein nach Deutschland kam und unterwegs offenbar viel Hilfe erfahren hat. „Er bat eines Tages seine Lehrerin, eine Geschichte erzählen zu dürfen und erzählte von seiner schwierigen Reise nach Deutschland, als ginge es nicht um ihn. Auf diese Weise konnte er sich schützen, hat seine persönliche Geschichte ein wenig verarbeitet und am Ende aus der Belastung auch noch etwas Positives gemacht.“

Die Rettung und die Gemeinsamkeit

Im Königspalast wird selbstverständlich der Befehl ausgeführt, der nun, vom Jüngling umgeschrieben, lautet, dass die Soldaten eingekerkert werden sollen. Als der Junge seine Belohnung vom König abholen will, stellt dieser ihm noch eine Hürde. Der Jüngling muss eine Schachpartie auf Leben und Tod gewinnen. So kommt seine dritte Fähigkeit zum Tragen: Der Junge gewinnt und hat das Recht, als neuer König den alten zu töten.

Samira (11 Jahre) und Adil (13 Jahre) aus Syrien lauschen gebannt. Sie sind schon lange genug in Deutschland, um sich beim Erzählen der Geschichte zu beteiligen. Sie haben schon viele Bilder zu den Geschichten gemalt und freuen sich darüber, dass die Themen auch im Unterricht wiederauftauchen. Erzählerinnen und Erzähler und Lehrerschaft arbeiten zusammen und ziehen an einem Strang. Tanya Rothe, Lehrerin einer Willkommensklasse hält die Geschichten für sprach- und länderübergreifend. „Die Kinder finden sich in den Geschichten wieder, egal woher sie kommen. Auf diese Weise können fremde Kulturen thematisiert und sichtbar gemacht werden. Und das Erzählen mit Bewegungen und Liedern, macht es den Kindern ohnehin leicht, mitzumachen, auch wenn sie die deutsche Sprache noch nicht beherrschen.“ Und als wolle er es beweisen, macht Yuki aus Japan bei allem mit, obwohl er erst seit fünf Wochen in Berlin ist und noch kaum Deutsch versteht.

Und die Moral

Die Geschichte des armen Jünglings hat ein Happy End. Der Junge hat viel gelernt, landet nicht im Gefängnis und ist so gnädig, den Khan nicht zu töten, sondern ihn zum obersten Schachlehrer zu ernennen, damit viele von ihm lernen können.

„Erzählen beflügelt“ möchte ebenfalls, dass Geschichten gut ausgehen. Nämlich die Geschichten der Kinder, die durch das Erzählprojekt mit Freude Lernen, viele Seiten ihrer selbst entdecken und entwickeln sowie neue Perspektiven auf Begebenheiten in ihrem Leben gewinnen.

Über die Johannesstift Diakonie

Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 9.300 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:

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