Schließen
Suchen & Finden
Newsmeldung (Detailansicht)
Johannesstift Diakonie
Gemeinsam stärker – über Mentoring, Nachhilfe und Freundschaft

Gemeinsam stärker – über Mentoring, Nachhilfe und Freundschaft

Ein Interview mit Abubaker Khan, Stipendiat im Mentorenprogramm der Jugendhilfe.

Datum2024-06-12

Abubaker Khan steht kurz vor seinem Abitur. Ein Bildungsweg, an den wenige Jahre zuvor noch nicht zu denken war. Der gebürtige Afghane kam 2016 ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Als Stipendiat der vom Evangelischen Johannesstift verwalteten Ingeborg Dauß Stiftung trotzte der 23-Jährige schwierigen Startbedingungen. Im Rahmen des Mentorenprogramms der Dauß Stiftung, das Teil der Kinder- und Jugendförderung der Johannesstift Diakonie Jugendhilfe ist, lernte er seinen Mentor Guido Schikore und seinen Nachhilfelehrer Ole Leisner kennen. Im Interview sprechen die drei darüber, wie sie zu einem von Freundschaft geprägten Team geworden sind.

Abubaker, lass uns einen Blick zurückwerfen: Wie war das für Dich, als Du nach Deutschland kamst?

Abubaker: „Der Anfang in Deutschland war sehr schwer für mich. Ich habe die Leute nicht verstanden und hatte keine deutschen Freunde. Im ersten Jahr ist auch wenig passiert. Ich habe in einer Wohngemeinschaft in Brandenburg gelebt und bin nicht zur Schule gegangen. 2017 bin ich dann zur Evangelischen Schule in Spandau gekommen. Von da an habe ich mich immer wohler gefühlt. Aber im Unterricht war es nicht einfach. Wenn Du nicht gut Deutsch kannst, dann sind alle Fächer schwer. Wenn Du gut in Mathe bist, aber die Textaufgaben nicht richtig verstehst, dann ist das auch schwer.“

Und wie ging es weiter?

Abubaker: „2020 hat meine Lehrerin mir vorgeschlagen, dass ich mich als Stipendiat bei der Ingeborg Dauß Stiftung bewerbe. Dadurch habe ich meinen Mentor Guido und meinen Nachhilfelehrer Ole kennengelernt.“

Guido, Du bist im Rahmen des Stipendiats Abus Mentor. Wie war das, als ihr euch 2020 kennengelernt habt?

Guido: „Wir waren beide ein bisschen verhalten. Wir mussten uns ja erstmal herantasten und herausfinden, wie der andere tickt. Es muss ja auch irgendwie menscheln und funken. Mein erster Eindruck war, dass mir ein lieber netter und adretter Junge gegenübersitzt, der wahrscheinlich sehr, sehr fleißig ist – was sich übrigens bestätigt hat (lacht).“

Und was war Dein Antrieb, Dich als Mentor bei der Ingeborg Dauß Stiftung zu engagieren?

Guido: „Ich wollte nicht, dass ein viel versprechender Bildungsweg nur an ungünstigen Rahmenbedingungen scheitert. Und ich habe mit Abu einen Menschen kennengelernt, der sehr viel Potenzial und den Willen hat, sich weiterzubilden und einen Schulabschluss zu machen.  Da war für mich klar, dass ich mich einbringen und mit Abu ein Tandem bilden möchte.“

Abu, wie hilft Dir die Verbindung zu Guido?

Abubaker: „Guido und ich verstehen uns sehr gut. Wir haben oft Kontakt und machen zusammen Sachen. Zum Beispiel waren wir mal zusammen auf einer Bootsfahrt. Wir mögen beide Actionfilme und haben zusammen den neuen „Top Gun“-Film im Kino gesehen. Wenn ich Probleme habe, kann ich ihn immer anrufen. Oft schreibe ich ihm dann eine WhatsApp. Zum Beispiel suche ich gerade eine eigene Wohnung, und Guido hat mir Tipps gegeben, wo ich suchen kann. Man kann sagen: Guido hilft mir im Alltag und hat mir früher auch bei der Schule geholfen, bis dann Ole mein Nachhilfelehrer wurde.“

Ole, kannst Du uns einen Einblick in die Nachhilfestunden geben?

Ole: „Am Anfang haben Abu und ich den Fokus ganz stark auf Deutsch gelegt, damit er seinen Mittleren Schulabschluss erfolgreich absolviert. Ich musste damals noch viel selbst vorbereiten. Vorteilhaft war, dass ich Abu schulisch immer ein Jahr voraus war, sodass ich mich an den Lehrstoff noch sehr gut erinnern konnte.“

Und wie hat sich Eure Zusammenarbeit seitdem entwickelt?

Ole: „Jetzt, da Abu im Mathe-Leistungskurs ist, wird es für mich herausfordernder. Er ist selbstständiger geworden und bringt inzwischen ganz konkrete Aufgaben mit, die wir dann gemeinsam angehen. Wir sprechen viel miteinander und ich finde, dass sich unsere Beziehung auf Augenhöhe entwickelt hat. Obwohl Deutsch immer noch wichtig ist, steht es nicht mehr im Mittelpunkt unserer Nachhilfe und läuft eher nebenbei. Wir sind mittlerweile auch richtig gute Freunde geworden.“

Und Guido und Abubaker, wie würdet Ihr Eure Beziehung zueinander beschreiben?

(Beide grinsen) Guido: „Ich für meinen Teil empfinde das auch freundschaftlich. Nicht so „kumpelhaft-dicke“ wie bei Abu und Ole – eher wie eine Freundschaft über Generationen hinweg. Ich will auch Abu nichts aufzwängen, sondern versuche, ihn auf seinem Weg zu bestärken, zu unterstützen und etwaige Reibungseffekte zu mindern. Wenn er also eines Tages zu mir käme mit dem Wunsch, Jongleur werden zu wollen, würde ich ihm ganz bestimmt nicht sagen: Studiere lieber BWL.“

Abubaker: „Guido ist für mich ein guter Freund, der mehr Erfahrung und einen anderen Blick auf das Leben hat, was mir schon viel geholfen hat.“

Guido: „Das ist schön zu hören. Manchmal stoße ich auch an Grenzen, wo ich nichts mehr ausrichten kann. Abu hatte zum Beispiel die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Stipendiaten der Dauß Stiftung auf eine Bildungsreise nach London zu fahren. Er wäre sehr gerne mitgefahren und wir haben sehr viel Zeit und Mühe darin investiert, ein Visum zu besorgen, doch am Ende hat es nicht geklappt, weil seitens der Behörde die unberechtigte Vermutung bestand, dass er in Großbritannien bleiben wollte – was natürlich total aus der Luft gegriffen war. Wir haben dann überlegt, wie wir das kompensieren können. Und da wir wussten, dass Abu sich für das Programmieren interessiert, haben wir dann einen dafür tauglichen Laptop gekauft.“

Ole und Guido, wie würdet Ihr sagen, habt Ihr von Eurer Verbindung zu Abubaker profitiert, oder wo dient er vielleicht Euch als Vorbild?

Ole: „Ich bewundere, wie er unter völlig neuen Lebensbedingungen zurechtkommt und sich durchbeißt. Auch wenn er vielleicht mal auf die eine oder andere Sache keine Lust hat, bleibt er dran. Außerdem habe ich – bevor ich Abu kannte – noch nie einen Bollywood-Film geguckt. Da ist Abu ein echter Enthusiast und Experte.“ (lacht)

Guido: „Ich finde es absolut bemerkenswert, wie Abu seinen Weg geht, ohne angesichts der Größe der Aufgabe zu verzweifeln, sondern sich stattdessen immer auf die nächstwichtige Sache konzentriert und weitermacht.“

Abubaker, was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Abubaker: „Ich möchte gerne in Deutschland bleiben und eine Ausbildung machen. Am liebsten würde ich später als Softwareentwickler oder in der IT-Security arbeiten. Aber jetzt steht erst einmal das Abi an. Ich hoffe, ich werde zugelassen. Meine Noten sind nicht so gut und es wird knapp. Aber Ole und Guido helfen mir viel.“

Über die Johannesstift Diakonie Jugendhilfe

Die Johannesstift Diakonie Jugendhilfe gGmbH ist eine 100%ige Tochtergesellschaft der Johannesstift Diakonie gAG mit stationären, teilstationären und ambulanten Angeboten der Hilfen zur Erziehung, Jugendsuchthilfe, Betreuungsangeboten für Mütter und ihre Kinder, der Kindertagesbetreuung, schulbezogener Sozialarbeit an Grund- und Oberschulen sowie Erziehungs- und Familienberatung. Sie beschäftigt circa 500 Mitarbeitende in Berlin, Neubrandenburg, den Landkreisen Oberhavel und Havelland sowie Eisenach.

Über die Johannesstift Diakonie

Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 10.793 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:

  • Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
  • Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
  • Behindertenhilfe
  • Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Arbeit, Beschäftigung und Soziales
  • Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Ergotherapie
  • Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen