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Johannesstift Diakonie
Digitale Technologien erleichtern den Alltag im Pflegeheim

Digitale Technologien erleichtern den Alltag im Pflegeheim

Pflegebevollmächtige Claudia Moll und Diakonie-Vorständin Maria Loheide besuchen Johannesstift Diakonie.

Drei Frauen an Pflegebett mit Dummy und Bildschirm
Datum2022-09-08

Um sich Einblicke in digitale Technologien in der Pflege zu verschaffen, besuchten die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Claudia Moll und die Vorständin der Diakonie Deutschland Maria Loheide am 7. September das Theodor-Fliedner-Haus, eine Einrichtung der Sparte Pflege & Wohnen der Johannesstift Diakonie. Bei dem Besuch ging es darum, Chancen, Risiken und Herausforderungen der Digitalisierung in der Pflege in der Realität nachzuspüren. 

Die Sparte Pflege & Wohnen der Johannesstift Diakonie in der Region Berlin-Brandenburg hat mit vielen Projekten eine Vorreiterrolle in diesem Bereich eingenommen. Unter anderem gehört ihre Pflegeeinrichtung Theodor-Fliedner-Haus zum Pflegepraxiszentrum Berlin (PPZ Berlin), das als eines von vier PPZs in Deutschland innovative Technik in den Pflegeprozess integriert. Hier werden neue Technologien in klinischen, stationären und ambulanten Pflegebereichen erprobt und Erfahrungen und Wissen zu pflegerischer Aus- und Weiterbildung geteilt. Neben Berlin gibt es Pflegepraxiszentren in Freiburg, Nürnberg und Hannover sowie ein Pflegeinnovationszentrum (PIZ). Die fünf Zentren werden mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums gefördert. So kommen Forschung, Wirtschaft und Pflegepraxis mit Anwenderinnen und Anwendern zusammen, um neue Produkte für einen optimaleren Pflegealltag zu entwickeln. 

Einblicke in digitale Pflegepraxis

Beim Besuch von Claudia Moll und Maria Loheide wurden unterschiedliche Innovationen präsentiert. Auf der Tagesordnung standen unter anderem Sensoren-Lösungen, die die Versorgung sicherer gestalten können, indem sie dem Pflegepersonal pflegerelevante Informationen in Echtzeit als Grundlage des Handelns zur Verfügung stellen. So erhalten Pflegekräfte etwa eine Benachrichtigung, wenn sturzgefährdete Personen aufstehen, demenziell veränderte Menschen Türen öffnen oder das Hygienematerial beispielsweise bei Inkontinenz gewechselt werden muss. Aus den Daten werden nicht nur Handlungen für den Moment abgeleitet, sondern auch langfristig nutzbare Infos – so werden beispielsweise Mikro-/Makrobewegungen von Bewohner*innen im Bett registriert und daraus notwendige Positionierungsbedarfe zur Prävention von Druckgeschwüren abgeleitet. Am Krankenbett, an dem die Sensoren demonstriert wurden, kam die Frage von Maria Loheide auf, ob die häufig körpernah befestigten Sensoren die Lebensqualität der pflegebedürftigen Menschen einschränken. Tobias Kley, Verbundkoordinator Pflegepraxiszentrum Berlin und Prokurist im Bereich Pflege & Wohnen der Johannesstift Diakonie, sagte: Erste Rückmeldungen zeigten, dass sie nicht stören. Außerdem würden sie nur genutzt, wenn sie individuell notwendig und die Betroffenen einverstanden sind. 

Auch gab es Einblicke ins System Voice – eine per Smartphone eingesprochene Pflegedokumentation, die der händischen, fehleranfälligen Dokumentation der Realität entgegensteht und vor allem auf Nachwuchskräfte attraktiv wirken dürfte. Besonders ist dabei die künstliche Intelligenz (KI) die den Aufwand des Personals deutlich reduziert. In einem Wohnbereich der Eirichtung Pflege und Wohnen Anna Maria Gerhardt kommen damit pro Schicht und Wohnbereich etwa 200 Einträge zusammen. Roswitha Gabriel, Geschäftsführung Pflege & Wohnen Region Berlin Brandenburg der Johannesstift Diakonie gAG: „Die Dokumentation müssen sich die Kolleg*innen somit nicht mehr für später aufsparen. Das spart Zeit und auch PC-Arbeitsplätze.“

Ebenfalls demonstriert wurden beim Treffen technische Innovationen zur Aktivierung von älteren Menschen, beispielsweise die Memore-Box, eine gestengesteuerte Interaktions- und Spielmöglichkeit, oder das De BeleefTV – ein großes Display, das von der JukeBox bis zur Biografiearbeit die Betreuungsarbeit im Pflegealltag unterstützen kann. 

Eine weitere Innovation ist das Präsentationssystem Qwiek.up, ein Videoprojektor, der beruhigende Bilder, Filme und Musik an Wand- und Deckenflächen werfen und so beispielsweise mit einem simulierten Waldspaziergang die Pflege von unruhigen Bewohner*innen erleichtern kann. Eine Besonderheit: Die Animation aus Bild und Ton wird durch passende Gerüche ergänzt. Die Mitarbeiter*innen betonten, dass der Qwiek.up die Bewohner*innen im Pflegealltag wirklich sehr gut beruhigen könne. Claudia Moll: „Manchmal ist es nicht das Große, sondern etwas ganz niedrigschwelliges, was gut funktioniert.“

Thematisiert wurde auch die Frage, ob der Umgang mit der neuen Technik für alle Mitarbeitenden machbar ist. Klar fiele Jüngeren der Umgang in der Regel leichter, aber man schule sich gegenseitig, informierte Sabrina Maasch, Pflegedienstleitung im Theodor-Fliedner-Haus. Genau solche Erfahrungen zur Praktikabilität würden auch in die Untersuchungen des PPZs gegeben, so Roswitha Gabriel. 

Innovationen seien beeindruckend und unverzichtbar

Claudia Moll zeigte sich von den Technologien begeistert: „Die Digitalisierung ist in der Pflege unverzichtbar. Pflegebedürftige können durch digitale Angebote mehr Selbstständigkeit erlangen. Und die Pflegeberufe werden attraktiver, dem Pflegenachwuchs kann etwas geboten werden und die Pflege wird effizienter. Dadurch steigt die Berufszufriedenheit der Pflegenden. Jede Pflegekraft möchte das erlernte Fachwissen lieber anwenden und sich um die Pflegebedürftigen kümmern – als händisch ellenlange Dokumentationsbögen auszufüllen oder sich mit Papierabrechnungen herumzuschlagen. Um die Früchte der Digitalisierung ernten zu können, ist es jedoch zwingend notwendig, dass Systembrüche beseitigt werden. Von der Erfassung der Pflegedokumentation bis hin zur Abrechnung durch die Pflegekassen ist eine medienbruchfreie Kommunikation aller Beteiligten erforderlich.“

Maria Loheide war ebenfalls beeindruckt: „Die hier vorgestellten innovativen digitalen Lösungen sind beeindruckend, sie bieten alten Menschen mehr Selbständigkeit und unterstützen die Pflegekräfte. Sie sollten jedoch nicht nur im Rahmen von Modellprojekten möglich sein, sondern müssten dringend in die Regelversorgung übernommen werden. Hier ist die Politik auch im Rahmen der anstehenden Pflegeversicherungsreform gefordert.“

Auch Roswitha Gabriel, Geschäftsführung Pflege & Wohnen Region Berlin Brandenburg der Johannesstift Diakonie, ist überzeugt: „Vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft und der damit einhergehenden steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen sowie dem dramatischen Mangel an Fachkräften wird die Digitalisierung und Technisierung in der Pflege einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und Verbesserung der Versorgungsqualität bieten. Es muss ein Diskurs geführt werden für ein einheitliches Verständnis über die Zielsetzung des Einsatzes und die Potentiale und Risiken. Darüber hinaus ist die Frage der Finanzierung digitaler Arbeitsmittel und moderner Technologien von Relevanz. Derzeit scheitert der Einsatz häufig am fehlenden Budget der Einrichtungen und den nicht zur Verfügung gestellten finanziellen Mitteln der Bundesländer.“

Christoph Dürdoth, Vorstand Personal der Johannesstift Diakonie, sieht vor allem auch die Entlastungsmöglichkeiten für Mitarbeitende und setzt sich auch im Rahmen der Verbände und Gremien für bessere Rahmenbedingungen ein.

Am Rande des Besuchs sprachen die Mitarbeitenden der Johannesstift Diakonie auch die Themen der Energiekostensteigerung für Einrichtungen sowie den wachsenden administrativen Aufwand in der Pflege an. 

Gruppenfoto
Claudia Moll, Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege (2. Frau von links) und Maria Loheide, Vorständin Diakonie Deutschland (3. Frau von links), besuchten das Theodor-Fliedner-Haus der Sparte Wohnen & Pflege der Johannesstift Diakonie.
Drei Frauen an Pflegebett mit Dummy und Bildschirm
Am Krankenbett demonstrierte Patricia Rex (Pflegefachfrau, Wohnbereichsleiterin und Projektbeauftragte PPZ Berlin Pflege und Wohnen Theodor-Fliedner-Haus, rechts) die Funktionsweise von Sensoren.
Fünf Menschen spielen mit Würfeln auf einem Bildschirm
Am großen Display wurde getestet, wie pflegebedürfte Menschen digital gemeinsam spielen können.
Menschen betrachten Projektion an der Decke
Die Innovation Qwiek.up kann im Pflegealltag unterstützen, indem ein Projektor Bilder an Decken oder Wände projiziert, begleitet von Geräuschen und Gerüchen. Das hat eine beruhigende Wirkung auf pflegebedürftige Menschen.
Frau mit Smartphone, weitere Frau und Mann betrachten Bildschirm
Claudia Moll (links) überzeugte sich selbst davon, wie per Smartphone eingesprochene Pflegedokumentation funktionieren kann.

Über das PPZ Berlin

Zum Konsortium des PPZ Berlin gehören die Forschungsgruppe Geriatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, die Alice Salomon Hochschule, das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft sowie die Technikunternehmen escos automation GmbH und NursIT Institute. Praxispartner und Verbundkoordinatoren sind das Evangelische Geriatriezentrum Berlin EGZB und das Theodor-Fliedner-Haus, eine stationäre Pflegeeinrichtung des Pflege & Wohnen im Johannesstift.

Im Mittelpunkt stehen technische Innovationen bei Themen wie Diabetes, Inkontinenz, Demenz, Mobilität und Vitaldatenerhebung. Das Projekt ermöglicht es, die Anwendungen in verschiedenen Pflegesettings zu vergleichen, wie etwa im Krankenhaus, in der stationären Langzeitpflege und perspektivisch auch in der ambulanten Pflege. Durch einen steten Austausch mit den Pflegenden wird sichergestellt, dass die Technik die Pflege unterstützt – und nicht dominiert. 

Wann die IT-Lösungen den Weg in die alltägliche Pflegepraxis finden, ist heute schwer absehbar. Zum einen gibt es oft noch viele technische Einschränkungen für den konkreten Praxiseinsatz, zum anderen fehlt eine nachhaltige Finanzierung durch die Kostenträger.

Mehr erfahren: PPZ Berlin
 

Über die Johannesstift Diakonie

Die Johannesstift Diakonie gAG ist das größte konfessionelle Gesundheits- und Sozialunternehmen in der Region Berlin und Nordostdeutschland. Über 10.400 Mitarbeitende leisten moderne Medizin, zugewandte Betreuung und Beratung im Einklang mit den christlich-diakonischen Werten des Unternehmens. Der Träger betreibt Einrichtungen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen mit einem vielfältigen Angebot in den Bereichen:

  • Krankenhäuser und ambulante Versorgungszentren
  • Pflege- und Wohneinrichtungen sowie Hospize
  • Behindertenhilfe
  • Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Arbeit, Beschäftigung und Soziales
  • Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Ergotherapie
  • Dienstleistungen für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen